Kommentar
Machtlose Aufsichtsräte

Viele Unternehmenskontrolleure in den USA sind mit ihrer Aufgabe überfordert. Ihre Gremien haben zu wenig Macht oder werden von der Konzernführung vereinnahmt. Die freiwilligen Reformen der Unternehmen haben versagt.
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Die Schlagzeile sagt schon alles: „Wie konnten sie einen so großen Betrug nur so lange übersehen? So beklagt das US-Wirtschaftsmagazin „Business Week, wie „ungeheuerlich schlecht im geschilderten Unternehmen die Arbeit des Verwaltungsrats gewesen sein muss. Das Gremium nimmt in US-Unternehmen eine ähnliche Aufgabe wahr wie der Aufsichtsrat in Deutschland.

Nein, Gegenstand des „Business Week-Artikels ist nicht, wie man jetzt annehmen könnte, das Milliardenloch bei JP Morgan Chase oder der Online-Suchdienst Yahoo, dessen Vorstandschef Scott Thompson gerade über Fälschungen in seinem Lebenslauf gestolpert ist. Dabei hätte die Überschrift auch hier gepasst: Beide Verwaltungsräte haben jämmerlich versagt. Bei Yahoo erfuhren sie erst kurz vor der Wahl, wer neuer Vorstandschef werden sollte, eine Recherche über Thompson war so unmöglich.

Nun, die Schlagzeile von „Business Week stammt aber aus dem Jahr 2002 und betraf den Mischkonzern Tyco. Dessen Vorstandschef Dennis Koslowski hatte mit dem Verwaltungsrat Katz und Maus gespielt, insgesamt zog er sich rund eine halbe Milliarde Dollar aus dem Unternehmen. Heute sagt er, der Verwaltungsrat sei „sehr schwach gewesen, er wünschte, „sie hätten mich gestoppt.

Damals war der Aufschrei groß. Reformen sollten her, nie wieder sollte es eine Aufsichtspleite geben wie bei Tyco, Worldcom oder Enron. Nach einem Jahrzehnt fällt die Bilanz deprimierend aus. Yahoo ist aktuell kein Einzelfall, wie der Kosmetikkonzern Avon zeigt: Dort führte Andrea Jung mehr als ein Jahrzehnt die Geschäfte. Seit 2010 verlor Avon dann 40 Prozent seines Börsenwerts - es gab Probleme im Kernmarkt USA und eine offizielle Untersuchung wegen Bestechungsgeldern in China. Erst vor wenigen Monaten musste Jung zurücktreten, blieb aber Vorsitzende des Verwaltungsrats.

Man ahnt: In manchen US-Unternehmen geht es weniger um Leistung oder Sachverstand, sondern um Beziehungen. Vor wenigen Tagen ließ David Poppe, Geldverwalter vom Sequoia Fund, seiner Frustration freien Lauf. In einem Brief regte er sich über James Johnson auf, der am 24. Mai zur Wahl in den Verwaltungsrat von Goldman Sachs steht. Der Mann war früher Chef des Hypothekengiganten Fannie Mae, der verstaatlicht werden musste, um nicht Bankrott zu gehen. Laut Poppe stand Johnson „im Zentrum von mehreren unglaublichen Debakeln in der Unternehmensführung. Dennoch hält Goldman an ihm fest.

Die Bilanz der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass freiwillige Reformen nicht ausreichen. Der US-Gesetzgeber muss festlegen, dass der Vorstandschef nicht in Personalunion Vorsitzender des Verwaltungsrats sein darf. Außerdem müssen die unabhängigen Mitglieder professionalisiert werden, sie müssen mehr Geld bekommen, um dafür mehr Zeit mit den Unternehmen und seinen Geschäften verbringen zu können.

Die Finanzkrise hat gezeigt, welchen Schaden schwache Aufsichtsgremien anrichten können: Der Verwaltungsrat von Lehman Brothers war eine Lachnummer. Das Risikokomitee traf sich nur zweimal im Jahr. Der Rest ist Geschichte.

Der Autor ist erreichbar unter: jahn@handelsblatt.com

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York

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