Kommentar
Märtyrer Berlusconi

Ist das Sexualverhalten eines Politikers relevant für die Öffentlichkeit? Die Richterinnen sorgen dafür, dass Silvio Berlusconi als Justizopfer in die Geschichte eingeht - und nicht als miserabler Wirtschaftspolitiker.
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Stimmt es, dass Silvio Berlusconi mit einer Minderjährigen Sex hatte, sie dafür bezahlt hat und dann versucht hat, das Ganze dank der Macht seines Amtes zu vertuschen ? Wahrscheinlich stimmt es. Jedenfalls sieht es das Mailänder Gericht so und auch die an die Öffentlichkeit gelangten Aussagen der Beteiligten sprechen dafür.

Stimmt es, dass Staatsanwälte und Richter verbissen darauf abgezielt haben, Berlusconi zu verurteilen, wie es der Betroffene darstellt ? Wahrscheinlich stimmt auch das. Sie haben auch allen Grund dafür, hat sie doch Berlusconi mit seinen Gesetzesänderungen zu seiner persönlichen Rettung über Jahre an der Nase herumgeführt. Da ist ein Schuldspruch auch eine persönliche Genugtuung.

Man mag ohnehin darüber streiten, inwieweit das Sexual-Verhalten eines Politikers wirklich relevant für die Öffentlichkeit ist. Beim Amtsmissbrauch sieht die Lage schon heikler aus. Doch wie dem auch sei: Fakt ist, dass ein Urteil der drei Richterinnen in Mailand Berlusconi in den Augen seiner Anhänger endgültig zum Märtyrer macht. Berlusconi als Opfer der Justiz.

Als solches wird Berlusconi in die Geschichte eingehen, und nicht als der Premierminister, unter dessen verschiedenen Amtszeiten das Bruttoinlandsprodukt kaum gewachsen oder sogar drastisch eingebrochen ist, der dringende Reformen sträflich vernachlässigt und die Unternehmer seines Landes bei ihren Auslandsexpansionen allein gelassen hat. Dabei sind das die Punkte, in denen das Gericht der öffentlichen Meinung Berlusconi verurteilen sollte. Den arbeitslosen jungen Menschen und den Unternehmern, die unter absurd hohen Steuern und Abgaben stöhnen ist mit dem Bunga-Bunga-Urteil nicht geholfen.

Die politischen Versäumnisse Berlusconis rücken in den Hintergrund. Statt dessen wird man sich an Bunga-Bunga-Parties erinnern, an eine ehrgeizige sexy junge Frau namens Ruby, die selbst keine Anklage erhoben hat und an die Richterinnen, die Berlusconi eins ausgewischt haben.

Natürlich wird Berlusconi nie ins Gefängnis gehen. Schließlich hat der 76-Jährige schon vor acht Jahren ein Gesetz erlassen, nachdem es Menschen über 70 nicht zumutbar ist, weggeschlossen zu werden. Außerdem kann er noch in Berufung gehen. Ein definitives Urteil, das ihn in ein paar Jahren von allen öffentlichen Ämtern ausschließt ist theoretisch noch möglich. Aber das wird noch dauern.

Letztlich bleibt das Ganze eine Farce, aus der Berlusconi noch als moralischer Sieger hervorgehen könnte – zumindest nach seinen eigenen Moral-Standards.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Italienische und deutsche Geschichte scheinen nun wirklich vortrefflichst miteinander verbunden, was die Granden anbelangt hat sich das nur wiederholt, was in den Dreißigern geschah, nur mit anderen -vorgehaltenen- Vorzeichen. Und die vereinigten Staaten von Nordamerika -exklusive Kanada und Mexiko- sie übertreffen beide Staaten in allem, bisher nie dagewesenen.

    Wie sagte mir einst ein gestandener GI in Austin, Texas, in Europa sind die Dinge zwar groß, in Amerika größer und in Texas am größten. Da hat er recht behalten. Die Abfälle, welche jeden Tag erneut entsorgt werden müssen, sprechen Bände, das meinte auch er.

  • schiesst den Idioten in die Wüste. Sag ich als Deuscher und Europäer. Die Italiener kann ich ja verstehen, schlicht keine Alternative in Sicht! die Vorreiter von Politikverdrossenheit und das, was einmal Herr Guido Westerwelle als "spätrömische Dekadenz" bezeichnet hat!? Er ist dafür beschmunzelt und als "historisch unkorrekt" mit seinen Aussagen betitelt worden. Nun, Herr Westerwellle; Guido; Sie haben recht in meinen Augen! Die Tendenz und die gesellschaftliche Entwicklung spricht Bände und zeigt fast jeden Tag aufs Neue, in welche Richtung unsere Gesellschaft sich hinentwickelt!
    Viel Spass noch mit unserer neuen Weltordnung! Kluge Menschen schauen sich mal historische Gesellschaftsentwicklungen an... ein Glück bin ich und sind wir deutsche... vielleicht bald wieder Germanen...

  • Als 94 Berlusconi kandidierte waren seine Eskapaden lange bekannt.In der ARD und im ZDF liefen Reportagen vor der Wahl,die von mafiösen Verbindungen und Bezeihungen in´s Rotlichtmilieu sprachen.Ebenso wurden die Bauskandale und die Meinungsmache seines Medienimperiums angesprochen.Trotzdem wurde er dreimal gewählt.Die Frage lautet :Warum?

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