Kommentar
Maß halten ohne Gesetz

Daimler-Chrysler ist in aller Munde. Der Konflikt beim Stuttgarter Autokonzern um längere Arbeitszeiten und Lohnkürzungen wühlt die Republik auf. Doch trotz allen Säbelrasselns: Management und Betriebsrat haben sich angenähert, beide Seiten wollen eine einvernehmliche Lösung.

Schon jetzt ist klar, dass auch das Daimler-Management in dieser Auseinandersetzung seinen Beitrag leisten muss – wahrscheinlich werden Konzernchef Jürgen Schrempp und seine Vorstandskollegen auf zehn Prozent ihrer Gehälter verzichten.

Das Einlenken der Konzernführung mag zwar erst auf Druck der Öffentlichkeit und der Daimler-Betriebsräte zu Stande gekommen sein. Doch die Stuttgarter Manager beweisen damit Moral. Wer von seiner Belegschaft Einschnitte verlangt, kann sich selbst nicht davon ausnehmen. Dass die Produktivität von Mercedes im Branchenvergleich vergleichsweise schlecht ausfällt, dafür sind alle Beschäftigten einschließlich der Manager verantwortlich. Zudem haben Schrempp & Co. eine Reihe von Fehlentscheidungen wie etwa den gescheiterten Einstieg beim japanischen Autohersteller Mitsubishi Motors zu verantworten. Wer Milliarden an der falschen Stelle ausgibt, muss dafür auch mit dem eigenen Gehaltskonto geradestehen.

Der Fall Daimler lässt aber nicht die Schlussfolgerung zu, dass deutsche Spitzenkräfte grundsätzlich zu viel verdienen. Das Beispiel des Stuttgarter Konzerns zeigt vielmehr, dass die meisten Manager nicht die Bodenhaftung und das Gefühl für das Machbare verloren haben. Und noch wichtiger: dass die natürlichen Gegensätze von Management, Betriebsrat und Aktionären für einen akzeptablen Interessenausgleich sorgen können.

Deshalb sollten sich vor allem Politiker mit populistischen Äußerungen zurückhalten und nicht nach gesetzlichen Obergrenzen für Gehälter rufen, so wie es gestern gleich mehrere prominente Parteivertreter vorgeschlagen haben. Eine völlig aberwitzige Idee. Warum sollte ausgerechnet ein Politiker in der Lage sein, einen fairen Vorschlag für das Gehalt von Jürgen Schrempp zu machen? Gerechtigkeit lässt sich nicht per Gesetz definieren. Der Blick nach Stuttgart sollte genügen: Dort wird eine Einigung auch ohne Gesetzgeber möglich.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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