Kommentar
Mehdorns Canossa

All jene, bei denen sich Hartmut Mehdorn mit seinem harten Sanierungskurs unbeliebt gemacht hat, werden jetzt den Rücktritt des Bahnchefs fordern.

Mehdorn ist mit seinem ehrgeizigen Ziel gescheitert, den Bahnkonzern ab dem kommenden Jahr in ein solide wirtschaftendes Unternehmen umzuwandeln, das seinen Eigentümern und Investoren eine angemessene Rendite versprechen kann.

Der Sanierungszug fährt mit großer Verspätung. Und deren Ende ist nicht abzusehen. Denn wer kann heute sicher vorhersagen, ob die Bahn ihre Probleme ab 2008 oder 2009 in den Griff bekommen wird? Zu viele Unwägbarkeiten spielen mit: die Konjunktur und das Reiseverhalten der Kunden etwa oder die Qualität der Bahn-Angebote und die Investitionsbereitschaft des Eigentümers Bund.

Fraglich ist auch, ob die Bahn nach einer erneuten Durchforstung ihrer Kostenstrukturen tatsächlich Geld verdienen kann. Wer bei Ressourcen und Firmenapparat nach Einsparpotenzialen sucht, kommt schnell zum Thema Personalkosten. Das aber ist für die Eisenbahner-Gewerkschaften – noch – ein absolutes Tabu. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, die Bahn vor weit reichenden Konflikten stehen zu sehen – auch vor Streiks. Denn die Arbeitnehmer- Meinung ist klar: Bahnreform und -sanierung ja, aber nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter.

Auch der Dialog der Führungskräfte auf den verschiedenen Konzernebenen ist konfliktträchtig. Der im August verhängte Ausgabenstopp hat vielfach die Fronten verhärtet. Und zu den Zweiflern am Kurs der Bahn gehören längst nicht mehr nur rückwärts gewandte Bahnbeamte.

Selbst dann noch, als die Bundesregierung im September die Pläne für einen schnellen Börsengang einkassierte, wollte Konzernchef Mehdorn unbeirrt und offensichtlich unbeeindruckt rasch die Kapitalmarktfähigkeit herbeiführen – trotz der massiven Probleme im Fern- und im Güterverkehr. Kritiker fordern seit langem, der Bahn auf ihrer Sanierungsstrecke mehr Zeit einzuräumen. Und dass diese Forderung berechtigt ist, erkennt sie jetzt auch selbst. Hartmut Mehdorn steht vor einem schweren Gang nach Canossa.

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