Kommentar
Minze, Dill und Verdi

Es gibt Heuchler, Pharisäer und: Verdi-Funktionäre. Seit Tagen ziehen sie durch die Talkshows und Nachrichtensendungen mit immer der gleichen Litanei: Ach, hätten die unfähigen Vorstände von Karstadt-Quelle in den vergangenen Jahren doch nur auf die Bsirske-Brigade gehört! Dann, ja dann müsste heute niemand um seinen Job fürchten. Die Kaufhäuser wären voll, die Mitarbeiter glücklich, und die Republik wäre hauptamtlich in Ordnung.

Die Wahrheit ist: Die Arbeitnehmervertreter waren über die Jahre die Hauptverbündeten der beiden Karstadt-Chefs Walter Deuss und Wolfgang Urban. Sie verhinderten allein zwei Mal im Aufsichtsrat die vorzeitige Entlassung des Vorstandsvorsitzenden Deuss, die Vertreter der Kapitalseite vergeblich beantragt hatten. Verdi-Funktionäre trugen Fehlentscheidungen nicht nur mit, wie sie heute euphemistisch sagen. Sie verhinderten vielmehr jahrelang aktiv Sanierungsmaßnahmen, deren Ausbleiben sie heute bejammern. Die Zahl der freigestellten Betriebsräte war ihnen wichtiger als das Wohl des Unternehmens.

Karstadt-Quelle ist nicht nur ein Lehrstück in Sachen Managementversagen, sondern vor allem ein Lehrstück für die verheerenden Folgen der Mitbestimmung. Ohne die Verdi-Bank im Aufsichtsrat, die symbiotisch mit den beiden damaligen Vorstandsvorsitzenden verbunden war, ginge es dem Konzern heute sehr viel besser. Für die Gewerkschafter im Aufsichtsrat stand niemals die langfristige Gesundung des Unternehmens im Vordergrund, sondern stets der kurzfristige Erhalt von Arbeitsplätzen, Pfründen und Macht.

Leider ist Karstadt-Quelle kein Einzelfall. Bei der Lufthansa verletzte Verdi-Chef Bsirske seine Aufsichtsratspflichten durch einen Streikaufruf, der Millionen kostete. Bei Daimler-Chrysler schossen die IG Metaller Vorstandsmitglied Wolfgang Bernhardt ab, um die von ihm geforderten harten Einschnitte zu verhindern. In einigen Jahren werden sie dem Stuttgarter Management wahrscheinlich Versagen vorwerfen, weil ebendiese Maßnahmen unterblieben sind.

Wie heißt es in der Bibel doch so schön bei Matthäus 23, 23: Die Heuchler gaben den Zehnten „von Minze, Dill und Kümmel“, aber schafften „das Wichtigste beiseite“.

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