Kommentar
Muslim-Studie: Verwirrende Prozente

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Die neue Studie des Bundesinnenministeriums zu religiösen und politischen Einstellungen der Muslime in Deutschland hat einen großen Vorteil: Sie stützt sich auf eine breite Datenbasis, ist insgesamt detailreich und ausgewogen. Die Studie teilt aber mit ähnlichen Arbeiten einen großen Nachteil: Es schwirrt darin so sehr von Prozentsätzen, dass sich jeder heraussuchen kann, was gerade passt.

Wer es dramatisch liebt, verweist darauf, dass 40 Prozent der Muslime Gewalt für legitim halten. Allerdings gilt dies nur bei einer Bedrohung des Islam durch den Westen. Als tatsächlich gewaltbereit stufen die Autoren der Studie rund sechs Prozent ein. Noch verwirrender ist der Begriff „fundamental“. In diese Kategorie gehören rund 40 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. Allerdings ist laut Studie mit „fundamental“ gemeint, dass diese Leute streng religiös sind, ihre Moralvorstellungen strikt einhalten, und dass sie den Islam besser finden als die westliche Kultur. Die Studie weist ausdrücklich darauf hin, dies sei nicht zu verwechseln mit einer Feindlichkeit gegenüber der Demokratie. „Fundamental“ heißt auch nicht „fundamentalistisch“, klingt aber leider so ähnlich.

Den Anteil der Muslime, die der Demokratie abweisend gegenüber stehen, gibt die Studie (nach unterschiedlichen Kriterien jeweils etwas abweichend) mit rund 15 Prozent an. Und die Autoren verweisen selbst darauf, dass dies in etwa in dem Prozentsatz in der deutschen Bevölkerung entspreche und daher nicht den Rückschluss zulasse, dass der Islam eine ablehnende Haltung gegenüber der Demokratie fördere. Die „Frankfurter Rundschau“, die die Studie des Ministeriums zuerst publiziert hat, zitiert zum Vergleich eine Erhebung von 2006, nach der 15 Prozent der Deutschen einen „Führer“ mit „starker Hand“ wollen und fast neun Prozent über ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ verfügen.

Man kann also aus der Studie eine hohe Gewaltbereitschaft der Muslime ableiten – wenn man den Prozentsatz herausgreift, den die Autoren selbst nicht in den Mittelpunkt stellen. Oder eben die Erkenntnis, dass Muslime genauso zur Demokratie stehen wie der Rest der Bevölkerung.

Eines ergibt sich auch aus der Studie: Ein wesentlicher Grund von Radikalität ist das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden. Die offenen oder verkappten Ausländerfeinde fördern daher selbst das Verhalten, das sie den Leuten dann anschließend wieder vorwerfen.

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