Kommentar
Nachgeholte Revolution

Was den postsowjetischen Raum derzeit aufwühlt, hat es dort zuvor nicht gegeben: eine Revolution von unten, die vom Willen der Menschen getragen wird. Zwar hatten die Präsidenten von Russland, der Ukraine und Weißrussland die Sowjetunion schon im Dezember 1991 zu Grabe getragen. Aber damals ging es um einen Beschluss, der lediglich nach unten durchgereicht wurde. Ohne zu erklären, ohne zu fragen, ohne die Menschen gar entscheiden zu lassen.

Über drängende Wirtschaftsfragen wollte der weißrussische Präsident Stanislaw Schuschkjewitsch mit dem Russen Boris Jelzin und dem Ukrainer Leonid Krawtschuk damals sprechen. Doch als die drei die Staatsdatscha im Wald von Bjeloweschsk bei Brest verließen, war die Supermacht UdSSR beerdigt. Dies geschah ohne Blutvergießen, aber auch ohne Plan für die Zeit danach. Seither mühen sich die Nachfolgestaaten mit diesem Geburtsfehler. Zu welchen Konvulsionen das führt, sehen wir in diesen Tagen: In Russland wird mit dem Chodorkowskij-Prozess versucht, auf autoritäre und selektive Weise mit den – einst oft legalen – Sünden der 90er-Jahre abzurechnen. Mit Waffengewalt gegen das eigene Volk versucht dagegen in Usbekistan ein Diktator, seine Macht zu retten.

In der Ukraine und in Georgien wurden Regime weggespült, die den Machtmissbrauch zur Regel erhoben hatten. In Kirgistan stürzte ein morsches System nach vergleichsweise läppischen Protesten in sich zusammen.

Den Nachfolgestaaten fehlte bisher das, was eine Revolution normalerweise ausmacht: der Austausch der herrschenden Eliten. In den zentralasiatischen Republiken inthronisierten sich ehemalige Parteisekretäre als neue Präsidenten und errichteten bestenfalls Scheindemokratien. Andernorts (Ukraine, Weißrussland) übernahmen zwar neue Gesichter, aber alte Methoden die Macht und reagierten mit Beharrung auf die neuen Chancen.

Nun folgt also der Perestroika zweiter Teil. Gelänge sie, könnten die neuen Republiken ihr sowjetisches Erbe vielleicht tatsächlich abschütteln. Der Westen sollte dies nach Kräften fördern.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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