Kommentar
Näher am Rivalen

Seit mehr als einem Jahr hat der Mann mit dem Jungengesicht damit zu kämpfen gehabt, bloß als der kleine Nachfolger des großen Chefs Heinrich von Pierer zu gelten. Spätestens am Mittwoch hat Klaus Kleinfeld diese Wahrnehmung als Vorurteil entlarvt.

Der 47 Jahre alte Bremer ist nun unübersehbar die Nummer eins in Europas größtem Technologiekonzern. Den richtet er auf ein großes Thema aus und macht ihn damit dem US-Rivalen General Electric ähnlicher.

Die Berufung zweier ihm vertrauter Manager in den Zentralvorstand und der Abschied von Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger sind weit mehr als Personalien. In München beginnt nun ein neuer Zeitabschnitt. Durch Neubürgers Ausscheiden hat Kleinfeld die Machtfrage endgültig entschieden.

Doch das ist eine Geschichte von gestern, nach vorne geht der Blick, und hier hat Kleinfeld für die neue Siemens-Story, die den Konzern als Infrastrukturanbieter für die Welt von morgen begreift, nun personell die nötigen Voraussetzungen geschaffen.

Nicht nur der Umfang des Personaltauschs, auch die Qualität macht den Wechsel in der Spitze zu einer Epochenwende für Siemens. Der Zentralvorstand wird verjüngt, die gesamte oberste Führung wird internationalisiert und auch inhaltlich auf die Linie Kleinfelds ausgerichtet. Die Neuen in der Top-Etage haben durchweg ihre Erfahrung im Ausland gesammelt, sie haben operativ hart für Siemens arbeiten müssen, viele haben sich ihren Lorbeer als Sanierer verdient. Und mag im Siemens-Zentralvorstand auch in Zukunft Deutsch geredet werden, im Kopf sind die Herren längst zu Weltmanagern deutscher Herkunft geworden.

Zu schön, um wahr zu sein? Natürlich, Kleinfelds Story muss en detail erst mit Leben erfüllt werden. Die Dauerbaustellen Siemens Com und SBS, die Telekommunikation- und IT-Einheiten, sie kriseln vor sich hin und sollen doch spätestens in einem Jahr saniert sein. Es gibt viele, die das für unmöglich halten. Dennoch ist die Neuordnung in der Führungsetage auch für die Problemsparten eine Botschaft: Noch hält Kleinfeld zu ihnen, er will sie offenbar aus eigener Kraft sanieren.

Nimmt man die 15 Monate Kleinfelds an der Siemens-Spitze zusammen, zeigt sich bereits eine erstaunlich positive Bilanz. Der in Amerika geprägte Manager hat schon zu Beginn seiner Amtszeit viel Mut bewiesen und das über Jahre kranke, aber immer noch prestigeträchtige Handy-Geschäft in einer Art Befreiungsschlag an die Chinesen von BenQ verschenkt. Das war ein erster großer Schritt auf dem Weg, aus dem Gemischtwarengeschäft einen Infrastrukturanbieter zu schaffen. Dafür hat er mit Milliarden zugekauft, unter anderem den dänischen Windkraftanbieter Bonus Energy. Kleinfeld, das war also schon gestern mehr als nur eine Episode.

Die Themen Globalisierung, Verstädterung, Umwelt hat der Vorstandschef nicht erfunden, auf genau diesen Märkten macht auch GE blendende Geschäfte. Aber Kleinfeld gibt den vielen Siemens-Welten mit seinen Megatrends einen Überbau, damit der verschachtelte Konzern in der globalisierten Welt seine Chance hat. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Deutschlands Weltkonzern auch künftig fast einer halben Million Menschen Arbeit geben kann.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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