Kommentar
Neue Realitäten

Die antiisraelischen Tiraden des iranischen Präsidenten haben zumindest zweierlei bewirkt: Zum einen dürfte sich inzwischen niemand mehr Illusionen über die wahre Natur des iranischen Regimes hingeben. Zum anderen aber wird deutlich, wie schwer die USA inzwischen an der Last des Irak-Krieges tragen.

Der iranische Staatschef Mahmud Ahmadinedschad ist eben kein Zufall der persischen Geschichte, der, einmal im Amt, von diesem schon auf Normalmaß gestutzt wird. Tatsächlich verkörpert der 49-Jährige die Fundamente, auf denen das Regime seit dem Umsturz durch Ajatollah Chomeini ruht. Diese sind anti-demokratisch, nationalistisch und antiisraelisch. Da mag sich Teheran unter dem liberalen Präsidenten Chatami einige Jahre noch so weltoffen präsentiert haben. In Wahrheit war diese Phase des Tauwetters die Ausnahme, nicht die Regel.

Gewichtiger noch aber ist die Erkenntnis, wie sehr Krieg und anhaltende Gewalt im Irak die Hände der einzigen Ordnungsmacht binden. Da bestreitet der iranische Präsident das Existenzrecht Israels – und dessen Schutzmacht, die USA, muss sich auf laue Proteste beschränken. Weil es sich eine Totalkonfrontation mit dem schiitischen Mullahregime gar nicht leisten kann. Denn Teheran besitzt das Potenzial, die Dauerkrise beim Nachbarn Irak in ein Inferno zu steigern.

Nicht viel anders liegt das Beispiel Syrien: Aus US-Sicht besteht derzeit die historisch einmalige Chance, das mit einem Mordvorwurf belastete Regime von Bashir el Assad politisch auszuhebeln. Doch in Wahrheit fürchtet Washington den „regime change“ in Damaskus. Das irakische Szenario vor Augen, fordern die Amerikaner inzwischen nur noch den Wandel, nicht mehr den Wechsel. Innenpolitisch – auch durch den Irak – schwer erschüttert, hat die Supermacht ihren Mumm verloren.

Also die Europäer: Denen fiele jetzt mehr als bisher das Handeln zu. Natürlich mit den Mitteln der Diplomatie. Aber hoffentlich auch ohne rosa Nebelbänke. Das wenigstens ließe sich aus den letzten Tagen lernen: ein neuer europäischer Realitätssinn.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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