Kommentar
Neues Misstrauen nach Fukushima

Der Bericht über die Ursachen der Atomkatastrophe enthüllt schonungslos die Fehler von Politik, Behörden und Firmen. Er bringt heilsamen Konflikt in Japans Konsensgesellschaft - dank eines wissenschaftlichen Querkopfs.
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In Japans Diskussion über Atomkraft ragt der jüngste Untersuchungsbericht über die Atomkatastrophe in Fukushima wie ein Leuchtturm hervor. In einem Land, in dem sich die Menschen gerne um klare Aussagen herumdrücken, spricht der erste parlamentarische Untersuchungsausschuss der japanischen Geschichte ungewohnt und erfrischend schnörkel- und schonungslos bittere Wahrheiten aus.

Der schwerste Atomunfall wäre vermeidbar gewesen; schon das Erdbeben und nicht wie von der Atomindustrie behauptet der Tsunami könnten die Reaktoren schwer beschädigt haben; und das Land war erbärmlich auf einen Störfall vorbereitet, weil der GAU aus politischen Gründen nie durchgedacht wurde. Die Atomlobby hätte damit ja zugegeben, dass Atomkraft entgegen ihrer Propaganda auch Risiken birgt.

Ganz neu ist das zwar alles nicht. Aber der Report ist wertvoll und beispielhaft über die Landesgrenzen hinaus. Denn die Kommission hat sich politisch nicht vereinnahmen lassen. Und anstatt plump Schuld zuzuweisen, hat der Ausschuss die Mechanismen, die zu der Katastrophe geführt haben, herausgeschält und aus der Vogelperspektive bewertet.

Keiner der Beteiligten kommt in dem Bericht der Kommission gut weg: weder der Atomklüngel aus Politikern, Beamten und Bossen, noch der ehemalige Regierungschef Naoto Kan, der sich gerne als Retter darstellt. Aber auch die Japaner selbst werden ins Gebet genommen: Sie fordert der Ausschuss auf, die Obrigkeiten endlich zu hinterfragen. Bislang unerhörte Worte in einem Land, dass nicht gerade für seine Streitkultur bekannt ist.

Zu verdanken ist diese Leistung vor allem dem Ausschussvorsitzenden Kiyoshi Kurokawa. Der Wissenschaftler und ehemalige Wissenschaftsberater der japanischen Regierung pflegt leidenschaftlich den Ruf als Querdenker und Querulant. Gleichzeitig hat er auf große Transparenz, internationale Beteiligung und eine unabhängige Besetzung gesetzt. In seiner Kommission waren Atomkraftkritiker Schlüsselfiguren und nicht wie in anderen Regierungsausschüssen Feigenblätter.

Nun kommt es nur noch auf die Japaner selbst an, ob sie die Lehren umsetzen und dieser Bericht Kurokawas Traum erfüllt. Er will eine Kritikkultur in Japan einführen und die Kultur der alten Klüngel zerreißen, die viele Probleme verschleiert und notwendige Reformen verhindert. In Fukushima sind den Japanern die Folgen ihres Verhaltens nur am lautesten um die Ohren geflogen.

Der Autor ist erreichbar unter: koelling@handelsblatt.com

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

Kommentare zu " Kommentar: Neues Misstrauen nach Fukushima"

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  • Hi Schmurf...dass die Wirtschaft meist nicht nach technischen, oder rationalen Kriterien betrieben wird, ist offensichtlich Teil der menschlichen Kultur.

    Kernkraftwerke sind die technischen Einrichtungen die am intensivsten kontrolliert werden. Einrichtungen mit wesentlich höherem Risikopotential wie Staudämme geniessen es weit weniger kontrolliert zu werden.

    Ich meine Sie sollten sich von der Medienberichterstattung etwas befreien und wenn Sie einen Artikel lesen Fakten von Meinung trennen. Dann ergibt sich häufig ein anderes Bild als es zu vermitteln gesucht wird.

    Dann können Sie auch fragen wieso man solche Hochrisikotechnologien wie Windmühlen und Solarzellen installiert.

    Vandale

  • Auch wenn die Jaspaner etwas eingeschlossen, arrogant und ignorant scheinen, werden sie Lehren daraus ziehen, weitere AKW wieder hochfahren und keine Energy-Wende einleiten. Solcher GAU passiert einfach mit falscher Führung, falscher Auslegung der Anlage, falscher Risikoeinschätzung (nicht Restrisiko!), egal ob in einem ex-kommunistischen Land oder in einem "technologisch hochentwickelten Land wie Japan" (das Augument für Merkels Atomausstieg).

  • Bei der Kernkraft halte ich wieder voll gegen Sie Vandale. Die Kommision sprich ungeliebte Wahrheiten aus und hat Recht. Ja Kernkraft ist kontrollierbar, aber nur von Ingenieuren (und selbst die werden es vor die Wand fahren wenn ein Kaffee auf der Tastatur umfällt). Kraftwerke werden von BWLern und Kapitalisten betrieben und haben völlig unzureichende Kontrollen. Bzw. sind einige Reaktorteile überhaupt nicht prüfbar. Der entstehende Schaden ist nunmal vielfach höher als der Nutzen.

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