Kommentar: Nicht die Sinne vernebeln lassen

Kommentar
Nicht die Sinne vernebeln lassen

In einem Wahljahr wird viel versprochen. Doch das darf den Tarifpartnern nicht den Blick verschleiern: Wo Gewinne sprudeln, müssen auch Löhne steigen. Aber die Forderungen dürfen nicht Deutschlands Stellung gefährden.
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DüsseldorfWahljahre sind gute Jahre für uns, oder? Niemals wird so viel versprochen wie in diesen Monaten. Niemals sitzt die Geldbörse bei Politikern so locker wie jetzt. Falls Sie vorhaben pleite zu gehen, wäre jetzt der günstigste Zeitpunkt: Sie werden garantiert gerettet.

Dass uns fette Monate bevorstehen, wissen auch die Tarifpartner und rüsten sich zur Schlacht: Mehr als sechs Prozent sollten drin sein, lautet die Forderung, die durch die Bank weg von den Arbeitnehmervertretern erhoben wird. „Wir müssen dazu beitragen, dass die Konjunkturlokomotive Deutschland weiter unter Dampf steht“, sagt die IG-Metall und bemüht das alte Bild von höheren Löhnen, die die Nachfrage ankurbeln sollen. Die IG-Bau hat schon mal mit ihrer Forderung nach 6,6 Prozent mehr Lohn eine Duftmarke gesetzt. Richtig interessant wird es im öffentlichen Dienst: Hier wird jeder Prozentpunkt mehr Lohn vom Steuerzahler aufgebracht. Und eine Sechs-Prozent-Forderung hat das Zeug dazu, alle Sparanstrengungen im Haushalt zunichte zu machen.

Deswegen ist entscheidend, dass uns die Dynamik eines Wahljahres nicht die Sinne vernebelt. Richtig ist: Die Lohnzurückhaltung, die Gewerkschaften im Namen der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren geübt haben, ist keine Selbstverständlichkeit. Wo Gewinne sprudeln, müssen auch Löhne steigen und deswegen ist es an der Zeit, dass die Arbeitnehmer stärker als bisher von fetten Jahren profitieren. Richtig ist aber auch, dass Deutschland genau dank der Lohnzurückhaltung besser dasteht als so viele in Europa. Es liegt in der Verantwortung der Tarifparteien, diesen Vorteil nicht zu verspielen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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  • Deutschland hat die schwächste Reallohn-Entwicklung der EU, obwohl die Produktivität um ein Vielfaches stieg. Der deutsche Binnenmarkt ging stark in die Knie. Reallohnverluste, Inflation, Steuern und Altersvorsorge griffen tief in den Geldbeutel. Es ist höchste Zeit für kräftige!!! Lohnzuwächse.

    Das Argument der Wettbewerbsfähigkeit kann ich bald nicht mehr hören. Billiger, als Billiglohnländer wäre das das Ziel? Auf Dauer werden wir den Preiskampf durch Niedriglohn nur verlieren.

    Vor dem Euro waren Produkte aus D teuerer, aber qualitativ deutlich besser. „Made in Germany“ muss wieder in den Vordergrund.

    Wie wär´s denn mal mit dem Slogan:
    „Ohne! geplante Obsoleszenz“

  • Wer vernebelt denn hier wem die Sinne? Ein wirtschaftlicher Erfolg, der sich auf permanente Lohnzurückhaltung stützt, obwohl die Lohnkosten teilweise nicht einmal mehr 10% der Kosten ausmachen, ist nicht nachhaltig. Im Gegenteil; das Ergebnis ist, wie man in Deutschland sieht, fatal. Dennoch glauben die Angebotstheoretiker weiterhin felsenfest an ihr Mantra einer alles selig machenden Wettbewerbsfähigkeit. Dass das makroökonomisch überhaupt keinen Sinn macht, ist den Apologeten des neoliberalen Wunschdenkens offensichtlich egal. Hauptsache die Unternehmerkassen quellen über, solange andere sich verschulden. Wir können sie ja notfalls retten. Dass daraus keine tragfähige Wirtschaftspolitik werden kann, zeigt der Süden Europas. Dort steigt die sogenannte Wettbewerbsfähigkeit aufgrund radikal zusammengekürzter Löhne, Renten und Sozialleistungen. Kommt nun noch der Merkelsche "Pakt für Wettbewerbsfähigkeit" fällt Europa in die Steinzeit zurück und als Markt für den Rest der Welt aus. Aber, wir sind wettbewerbsfähig und hoffen, dass der Rest der Welt in einem Anfall absoluter Verblödung unsere Dumpingwaren kauft. Dass daraus nichts wird, zeigt die Reaktion der USA, Japans und Chinas. Das nennt man hierzulande Währungskrieg, obwohl unser größter Exportmärkte ausgerechnet diese "Kriegsländer" sind. Nur werden die sich nicht von der deutschen Voodoo-Ökonomie totkonkurieren lassen und ihre Währungen abwerten. Deshalb Nachfrage im eigenen Land durch höhere (5% jährlich f. zehn Jahre). Die arbeitenden Menschen wirds freuen und die Unternehmen können sogar in Deutschland investieren und gutes Geld verdienen. Dann brauchen sie nicht zu warten, bis die Schuldner zahlen. Das ist die Zukunft unseres Landes, nicht diese neoliberale Chimäre der überall ruinösen Lohnzurückhaltung.

  • Ich sage nicht, dass mir Lohnerhöungen in genannten Industrien nicht passen!

    >>> Das die von Ihnen genannten Industrien in den letzten 10 Jahren (und länger) WESENTLICH höhere Lohnzuwachsraten, als der von Ihnen genannte Öffentliche Dienst hatte steht einfach fest.

    Dies behaupte ich jetzt einfach mal so dreist wie Sie!
    Wenn Sie können, nennen Sie mir und den anderen Foristen doch einfach Quellen, welche Ihre Thesen untermauern...


    Die Inflation nagt übrigens am Gehalt eines Stahlarbeiters ebenso, wie am Gehalt eines Sparkassenangestellten! (sowie bei JEDEM einzelnen Bürger)

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