Kommentar
Organisierter Selbstbetrug

Der Lohnkompromiss für die Metallindustrie wirft ein Schlaglicht auf die Fehlfunktionen des deutschen Tarifsystems. Widersprüche werden verschleiert, Konflikte kaschiert, Probleme auf Dritte und in die Zukunft verschoben. Doch über all dem gedeiht die Illusion, der Interessenausgleich zwischen einer Gewerkschaft und einem Arbeitgeberverband habe etwas mit dem Gemeinwohl zu tun.

Tatsächlich haben sich die Unterhändler auf einen Abschluss verständigt, der die Basis industrieller Produktion in Deutschland erneut zu schwächen droht und dazu führt, dass Arbeitsplätze mit einfachem Qualifikationsprofil verschwinden. Einige interessante Flexibilisierungen im Detail ändern nichts an diesem Faktum: Das Niveau der Lohnkosten steigt dauerhaft um drei Prozent. Und wegen der kurzen Vertragslaufzeit steht schon Anfang 2007 die nächste Lohnrunde an.

Drei Prozent sind gut das Doppelte dessen, was der gesamtwirtschaftliche Produktivitätszuwachs als Rahmen für eine beschäftigungsfreundliche Lohnpolitik vorgibt. Und davon werden – nach wie vor ohne Differenzierung – alle Tarifgruppen erfasst: vom raren Spezialisten bis zum einfachen Arbeiter, der mit seinem Job im direkten Lohnkostenwettbewerb mit einem osteuropäischen Kollegen steht.

Das Tarifergebnis von Düsseldorf stellt die Position der Arbeitgeberseite auf den Kopf. Ursprünglich ging es ihr darum, den dauerhaften Anstieg der Tariflöhne zu bremsen und den Metallern dafür vorübergehend höhere Einmalzahlungen zu geben. Der Ansatz war zugeschnitten auf eine Wirtschaft, die zwar kurzfristig auf einen Aufschwung hofft, die aber unverändert strukturelle Beschäftigungsprobleme hat. Nun kommt es umgekehrt: Die Betriebe erhalten die Option, die Einmalzahlungen zu kürzen, damit sich der überhöhte dauerhafte Anstieg der Tariflöhne zumindest vorübergehend verkraften lässt.

Auch das folgt freilich der Logik des realen Tarifsystems. Die Vertreter der Arbeitgeberverbände richten sich nun einmal an der Mehrheit ihrer Mitgliedsfirmen aus. Die scheuen den ultimativen Machtkampf mit der IG Metall und räumen lieber ihre Positionen – immerhin bieten sich auch jenseits der Grenzen vielfältige Möglichkeiten, die Folgen einer falschen Lohnpolitik im Inland zu kompensieren.

Es ist müßig, die Tarifparteien dafür zu schelten, dass sie in dem ihnen vorgegebenen System jeweils optimal ihr Binneninteresse vertreten. Entscheidend ist: Wie lange will die Politik noch am organisierten Selbstbetrug solcher Tarifrituale mitwirken, lässt sie sich diese Form des „Interessenausgleichs“ noch bieten?

Sie hätte es in der Hand, die Regeln zu bestimmen und den Flächentarif durch gesetzliche Öffnungsklauseln einer echten Qualitätskontrolle durch die Betriebe auszusetzen. Vor allem die Vertreter der Union müssen sich fragen, wie lange sie die Tabuisierung dieses Instruments durch die SPD noch mittragen wollen. Die Realität ist: Heute hält die Regierung Lobreden auf den Metall-Kompromiss, morgen grübelt sie wieder darüber, wie der Staat mit teuren Kombilöhnen die Fehler der Tarifpolitik reparieren kann.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%