Kommentar
Piëchs Zeit ist abgelaufen

Für Ferdinand Piëch mag es nur eine gezielte Indiskretion sein, für Volkswagen ist es ein Desaster. Ganz nebenbei, vermutlich aber ganz gezielt, lässt der Chefaufseher in einem Zeitungsinterview fallen, dass der Vorstandsvorsitzende des größten Autokonzerns Europas, Bernd Pischetsrieder, seinen Sessel wohl bald räumen müsse.

Katastrophal ist, wie der Oligarch aus Wolfsburg, Piëch, seinen Top-Manager öffentlich demontiert. Er betreibt dieses hässliche Spiel nicht zum ersten Mal, diesmal aber so massiv, dass keine Zweifel mehr möglich sind. Pischetsrieder, so behauptet Piëch, habe keine Chance auf eine Verlängerung seines Vertrags, weil die Arbeitnehmer ihn nicht wollten, nicht mehr wollten.

Ein einmaliger Vorgang in deutschen Führungsetagen: Der Aufsichtsratschef, ein Vertreter der Kapitalinteressen in diesem Kontrollgremium, schiebt Gewerkschafter und Betriebsräte vor, um die wichtigste Personalentscheidung nicht selbst verantworten zu müssen: den Abschuss des Vorstandsvorsitzenden. Wenn Piëch nämlich wollte, dann könnte er Pischetsrieder halten.

Ferdinand Piëch hat den Bogen überspannt. Seine Eingriffe bei Volkswagen nehmen ein Besorgnis erregendes Ausmaß an. Erst setzt er trotz des Bestechungsskandals viel zu lange auf den später gestürzten Personalvorstand Peter Hartz und kürt dann mit Schützenhilfe der Gewerkschaft dessen Nachfolger. Dann erklärt er Pischetsrieder – auch per Interview – zur lahmen Ente. Als wenn das nicht genug des Ärgers wäre, fädelt Piëch auch noch gegen den Willen des Großaktionärs Niedersachsen und ohne das Wissen des Managements den spektakulären Einstieg seines Familienunternehmens Porsche bei Volkswagen ein.

Solange Piëch als Manager höchstpersönlich die Tür-Spaltmaße bei neuen Modellen kontrollierte, hatte seine Dominanz durchaus Charme. Piëch machte in seiner Zeit als Vorstandschef aus dem angeschlagenen Betrieb in Wolfsburg einen weltweit erfolgreichen Automobilkonzern und verschaffte der angestaubten Marke VW ein zweites Leben. Ein Mann mit Benzin im Blut, mit Ecken und Kanten, ein Vorstandsvorsitzender mit Visionen. Solche Typen sind unter Top-Managern selten geworden. Das ist schade.

Doch seit einigen Monaten setzt der Aufsichtsratsvorsitzende Piëch alles daran, dieses Lebenswerk zu zerstören. Jetzt provoziert er auch noch eine Führungskrise! Reicht es denn nicht, dass Volkswagen tief in einer Konzeptions- und Kostenkrise steckt? Welche Antworten hat der große Aufsichtsratsvorsitzende eigentlich auf diese wirklich drängenden Fragen?

Ferdinand Piëch wird im April 68 Jahre alt. Viele Manager laufen dann erst zur höchsten Aktivität auf, nicht immer zum Besten ihres Unternehmens. Rolf Breuer desavouierte vor wenigen Wochen den Deutsche-Bank-Sprecher Josef Ackermann, hatte sich aber wohl nur verplappert. Piëch dagegen ruiniert VW zielstrebig, wenn er so weitermacht.

Mag sein, dass die Zeit des noch amtierenden Vorstandsvorsitzenden von VW, Bernd Pischetsrieder, abgelaufen ist. Die große Zeit des Ferdinand Piëch bei VW ist auf jeden Fall vorbei. Leider gibt es niemanden, der ihn zum Abgang zwingen könnte.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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