Kommentar
Pisa-Schock, Teil zwei

Noch sitzt der Pisa-Schock den Kultusministern in den Knochen, da kommt OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher mit neuen Hiobsbotschaften daher: Die Reform des Bildungswesens komme nicht voran. Das Land drohe den Anschluss an andere Nationen zu verlieren.

Das ist ein hartes Urteil. Doch es kommt zum richtigen Zeitpunkt. Denn gerade machen Deutschlands Bildungspolitiker es sich wieder bequem auf ihren Stühlen. Nötige Reformen, so lautet ihr Resümee, haben wir gemacht! Der Umbau des Bildungssystems ist eingeleitet!

Zugegeben: Seit Pisa hat sich vieles getan. Etliche Bundesländer haben das achtjährige Gymnasium eingeführt oder wollen dies bald tun. Es gibt mittlerweile einen Bundesbildungsbericht, und die Kultusminister haben begonnen, verbindliche Bildungsstandards zu beschließen. Doch darüber hinaus hat sich, von der für Lernerfolge so wichtigen frühkindlichen Erziehung bis hin zur Universität, nicht viel verändert. Und kaum ein Bundesland hat wirklich und nachhaltig seinen Bildungsetat aufgestockt.

Dabei ist gute Bildung nicht immer nur eine Frage des Geldes. Noch immer ist Deutschland das Land mit den ältesten und am besten bezahlten Lehrern, die jedoch am schlechtesten in Pädagogik und Didaktik ausgebildet sind. Und noch immer ist dies ein Land, das sich den Luxus eines verwirrenden Bildungswildwuchses leistet. Das Resultat ist mehr als ernüchternd: Jedes Jahr bleibt eine halbe Million Schulkinder sitzen, immer mehr Jugendliche verlassen Schulen ohne einen Schulabschluss – ohne große Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und über zwei Milliarden Euro investieren Eltern – zumindest die, die es sich leisten können – jedes Jahr in Nachhilfe und damit in die Arbeit, die Schule eigentlich leisten müsste.

„Visionslos“, so Schleicher, reagierten Deutschlands Bildungspolitiker auf diese Misere. Recht hat er. Immer noch klafft eine riesige Schere im Bildungsbereich zwischen Nord und Süd, Ost und West. Dabei wäre die Bildung genau das richtige Feld, um die von Bundespräsident Köhler initiierte Debatte um gleiche Lebensverhältnisse und -chancen in allen Teilen Deutschlands zu führen. Wo, wenn nicht hier, lassen sich die Startbedingungen verbessern? Von unseren Bildungspolitikern dürfen wir dies aber wohl kaum erwarten.

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