Kommentar
Politik der Stärke

Deutschlands Unternehmen beteiligen ihre Anteilseigner am Erfolg. Die kräftigen Dividendenerhöhungen füllen nicht nur den Geldbeutel der Aktionäre, sondern sie steigern auch den Marktwert der Firmen. Das macht sie teurer und gibt ihnen damit eher die Möglichkeit, sich im Wettbewerb zu behaupten.

Wenn die 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) im Frühjahr nächsten Jahres ein Drittel ihrer Gewinne an die Anteilseigner weitergeben und diese nicht investieren, ist das keinesfalls eine einfallslose Antwort auf die Frage: „Wohin mit dem vielen Geld?“ Nein, die Unternehmen verdienen so viel wie noch nie, und deshalb sollen sie sich die Ausschüttungen auch leisten.

Diese Politik stärkt die Unternehmen. Denn die langfristige Entwicklung an den Kapitalmärkten zeigt, dass sich der Unternehmenswert, also die Börsenkapitalisierung, in erster Linie durch hohe und regelmäßige Dividenden steigern lässt. Das ist viel besser als kostspielige Übernahmen, die statistisch gesehen in mehr als zwei Dritteln der Fälle schief gehen. Die Höhe der Dividende ist für sehr viele Kleinanleger und institutionelle Investoren ein wichtiges Kaufargument.

Das Beispiel Deutsche Börse lehrt, wohin die Reise geht. Anstatt die Londoner Börse zu übernehmen, wie es Ex-Chef Werner Seifert gerne wollte, drängten einflussreiche Anteilseigner den Vorstand, erstens Aktien zurückzukaufen und zweitens mehr Geld auszuschütten. Eigeninteresse mag im Spiel gewesen sein. Doch das ist das legitime Recht jedes Miteigentümers. Noch entscheidender ist: Seitdem Hedge-Fonds die Deutsche Börse zu den beiden Schritten nötigten, stieg der Börsenwert um 50 Prozent. Die Deutsche Börse ist drei Milliarden Euro mehr wert als Anfang des Jahres. Die Aktie führt seit der gescheiterten Übernahme die Gewinnerliste im Dax an. Der immens gewachsene Börsenwert verleiht Kraft und verschafft Spielraum für künftige Investitionen, einschließlich möglicher Übernahmen. Sie müssen keineswegs für immer vom Tisch sein.

Natürlich sind hohe Dividenden nur so lange ein Ausdruck der Stärke, wie sie nicht an die Substanz des Unternehmens gehen. Solche Sorgen brauchen sich Deutschlands Großunternehmen aber nicht zu machen. Niemand schüttet seine Gewinne komplett aus. Im Gegenteil: Wenn die Dax-Konzerne 2006 ihre Dividenden um 23 Prozent anheben, dann hinken sie sogar der Gewinnentwicklung hinterher. Denn die Nettogewinne legen diesmal um mindestens ein Viertel, vermutlich sogar um ein Drittel zu. Bereits im vergangenen Jahr waren sie sehr viel stärker gewachsen als die Ausschüttungen.

Wie vorsichtig deutsche Unternehmen immer noch ihre Erlöse weitergeben, zeigt ein weiterer Vergleich: Weltweit zahlen die Unternehmen rund 50 Prozent des Gewinns an ihre Anteilseigner aus. Deutschlands Quote liegt bei einem Drittel. Das lässt Spielraum für noch höhere Dividenden, auch bei unvorhergesehenen Gewinneinbrüchen, ohne dass der Vorstand sofort die Dividenden kappen muss. Das ist wichtig, denn Investoren sind Gewohnheitstiere. Sie lieben stetige Auszahlungen mehr als sprunghafte Ausschläge nach oben und unten. Diese Sorge brauchen sich Anleger deutscher Dax-Konzerne kaum zu machen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%