Kommentar
Porsche als Zeugin der Anklage

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist ein kühler Taktiker. Ein sehr kühler. Für den Einstieg bei VW im vergangenen Herbst gab und gibt es einen Masterplan, der deutlich über den Tag hinaus geht.

Seit jeher geht es um einen maßgeblichen Einfluss auf den VW-Konzern. Klares Ziel war immer eine Sperrminorität. Zunächst 20 Prozent, solange das VW-Gesetz noch gilt, dann 25,1 Prozent spätestens bis zu dem Zeitpunkt, bis das VW-Gesetz voraussichtlich im nächsten Jahr vom Europäischen Gerichtshof gekippt wird. Wegen dieser Zeitschiene erfolgte der Porsche-Einstieg scheibchenweise. Inzwischen haben die Kartellbehörden ja bereits grünes Licht gegeben für die Ausübung der Option und damit einer Aufstockung um knapp vier Prozent auf über 25 Prozent. Noch hat Porsche nicht gezogen.

Das VW-Gesetz sieht eine Stimmrechtsbegrenzung auf 20 Prozent und sichert bislang den Einfluss des zweiten Großaktionärs Land Niedersachsen, das 20,75 Prozent an VW hält. In der Branche gibt es wenig Zweifel, dass die EU- Richter spätestens im nächsten Jahr eine Abschaffung des VW-Gesetzes verlangen werden.

Wiedeking hat bislang immer gesagt, dass er von einem Fall der Stimmrechtsbegrenzung ausgeht. Die gesamte Porsche-Strategie für den Einstieg mit einem Budget von 3,5 Mrd. Euro ist darauf ausgelegt. Neu ist, dass er jetzt auch offen sagt, was schon immer Grundlage seiner Strategie war, dass er das Gesetz so schnell wie möglich los haben will. Denn nur, wenn das Gesetz fällt, hat Porsche bei VW allein die Macht. Dass er deshalb beim EU-Generalanwalt vorstellig werden will, weil die Rechte des Aktionärs Porsche durch das VW-Gesetz eingeschränkt werden, ist aber allenfalls öffentlichkeitswirksames Säbelgerassel. Tatsächlich beschleunigen wird er das Gerichtsverfahren nicht. Das EU-Verfahren sieht gar keine Zulassung Dritter vor.

Aber Porsche wird in der Öffentlichkeit zur Zeugin der Anklage. Das ist das Ziel von Wiedekings Aussagen. Und das wird auch den Richtern nicht verborgen bleiben. Zudem gibt er ein klares Signal an die niedersächsische Landesregierung , endlich einzusehen, dass sie beim Kampf um das VW-Gesetz auf verlorenem Posten steht.

Das will Ministerpräsident Christian Wulff zwar nicht wahrhaben. Aber die Kompromisse, die er bislang ausgehandelt hat, ändern nichts an der Erosion der niedersächsischen Position. Wulff setzte einen neutralen Nachfolger für den Chefposten im Aufsichtsrat durch, wenn Porsche-Gesellschafter Ferdinand Piech diese Position im nächsten Jahr räumen wird. Aber die heiß umkämpfte Frage der Besetzung des Chefpostens im Aufsichtsrates spielt in dem Moment keine Rolle mehr, in dem Porsche nach dem Fall des VW-Gesetzes als einziger Großaktionär mit dann über 25 Prozent über eine Sperrminorität verfügt und alle wichtigen Entscheidungen im Unternehmen blockieren kann. Die Zermürbungsstrategie von Wiedeking bei VW ist bislang bei jedem Schritt aufgegangen.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%