KOMMENTAR
Profi statt Professor

Nun also doch Friedrich Merz? Was vor 48 Stunden noch undenkbar war, scheint plötzlich nicht mehr ausgeschlossen.

Der langjährige Finanzexperte der Union könnte in einer von Angela Merkel geführten Bundesregierung Finanzminister werden, obwohl er die CDU/CSU-Fraktionsspitze nach schweren Auseinandersetzungen mit Merkel verlassen hatte und ihrem Kompetenzteam nicht angehört.

Für das mögliche Comeback kann sich Merz bei Kirchhof bedanken. Der Steuerrechtler hat beim gefährlichen Sprung vom Elfenbeinturm der Wissenschaft hinab in die Niederungen des Wahlkampfs einige Blessuren erlitten und mit ihm seine Gönnerin Angela Merkel. Mit seinem zwar prinzipientreuen, aber taktisch unklugen Einsatz für die reine Lehre des Einheitssteuersatzes, der nicht im CDU-Wahlprogramm steht, brachte Kirchhof den schwarz-gelben Sieg in Gefahr. Deshalb tendieren seine realen Chancen auf das Amt des Finanzministers jetzt gegen null, selbst wenn die Union das vor der Wahl nicht zugeben will.

Nach dem 18. September wird der Professor das Feld wohl für einen politischen Profi räumen müssen, und das ist gut so. Denn Eichels Nachfolger muss schwerste Lasten stemmen: den historischen Schuldenrekord, die schwer angeschlagene Rentenversicherung, das Milliardenloch bei der Bundesagentur für Arbeit. Zugleich sind Finanzierungslücken bei Bundeswehr sowie Forschung und Bildung zu schließen. Der neue Minister muss also sparen, kürzen, streichen und umschichten gegen alle Widerstände, die es auch in den eigenen Reihen massenhaft geben wird.

Zur überfälligen Sanierung der Staatsfinanzen ist Kirchhof bislang wenig eingefallen. Ihm fehlt auch die politische Durchsetzungskraft dafür. Anders sieht es bei Merz aus: Er hat diverse Schlachten in Bundestag und Bundesrat um Eichels Steuerreformen und Sparpakete geschlagen und dabei auch manch schmerzliche Niederlage erlitten. Aus dieser Erfahrung lässt sich das notwendige Rüstzeug gewinnen für künftige Kämpfe.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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