Kommentar
Profis an die Front

Die deutsche Demokratie würde sich ein Armutszeugnis ausstellen, müsste sie auch heute noch alte Ängste beschwören, Berufsstreitkräfte könnten zum Staat im Staat werden.

Die Wehrpflicht in Deutschland ist ein Anachronismus. Dies weiß man inzwischen seit fast zehn Jahren. Spätestens seit man sich in Frankreich für die Installierung von Berufsstreitkräften entschieden und dieses Beispiel in mehreren anderen Nato-Ländern Schule gemacht hat, kann man auch hier zu Lande die Diskussion über das Thema nicht mehr stoppen. Dass sie beinahe eine Dekade lang geführt wird, mag mit – einst durchaus ernst zu nehmenden – historischen Befindlichkeiten begründet werden. Nur: Die deutsche Demokratie würde sich ein Armutszeugnis ausstellen, müsste sie auch heute noch alte Ängste beschwören, Berufsstreitkräfte könnten zum Staat im Staat werden.

Die Realität sieht anders aus: Die Bundeswehr wird von der Politik inzwischen mit Aufgaben konfrontiert, die andere Strukturen erfordern – sowohl materiell als auch vor allem personell. Wenn zu Recht propagiert wird, dass der Bundesrepublik auf heimischem Territorium keine Aggression durch Streitkräfte anderer Staaten drohe, die Verteidigung eigener Grenzen nicht mehr derart dringlich sei wie ehedem zu Zeiten des Kalten Krieges, kann man nicht länger auf die gegenwärtige Personalstärke der Bundeswehr pochen.

Vor allem aber: Eine Interventionsarmee, zu der die Bundeswehr gestaltet werden soll, benötigt Qualität, nicht Masse. Und Qualität können Streitkräfte, in denen die Mehrzahl der Soldaten einen – gemessen am gewünschten technischen Standard – nur äußert kurzen Dienst ableistet, eben kaum garantieren. Eine militärische Elite, wie sie schon jetzt und künftig verstärkt benötigt wird, lässt sich nur durch intensive und damit entsprechend lange Ausbildung gewinnen. Profis sind gefragt.

Auf Dauer haben die Verteidiger der Wehrpflicht also einen schweren Stand. Dies zeigt sich schon daran, dass sie sich gezwungen sehen, Argumente ins Feld zu führen, die mit der Wehrpflicht allenfalls mittelbar verbunden sind. Zur Etablierung eines Zivildienstes war diese nie und nimmer gedacht. Der Zivildienst ist ein Nebenprodukt, das in Ländern mit Berufsstreitkräften auch nicht anfällt. Und die Idee eines sozialen Pflichtjahres ist doch längst angedacht.

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