Kommentar
Risiko für die Weltwirtschaft

Glaubt man dem Internationalen Währungsfonds (IWF), dann wird 2006 ein Schicksalsjahr für die Weltwirtschaft. Nicht etwa, weil die aktuellen Konjunkturdaten auf eine bevorstehende Rezession hindeuten. Ganz im Gegenteil: Die globale Wachstumsrate wird mit voraussichtlich 4,9 Prozent höher ausfallen als im vergangenen Jahr. Die Weltwirtschaft wird jedoch bedroht von globalen Ungleichgewichten, und die Zeit dafür, sie ohne große Wachstumsverluste zu korrigieren, läuft ab.

Amerika lebt auf Pump und finanziert sein riesiges Handelsdefizit mit Kapitaleinfuhren. Europa lebt vom Export und vernachlässigt seine Binnenkonjunktur. Japan sonnt sich in Leistungsbilanzüberschüssen, hat aber beim Abbau der Haushaltsdefizite erst die halbe Strecke geschafft. Indien und China genießen ihren Aufstieg in die Wirtschaftselite der Welt, tun sich jedoch schwer, ihre Märkte dem Wettbewerb zu öffnen.

Fügt man diesem unguten Gemisch von hausgemachten Problemen noch einen ebenso hohen wie volatilen Ölpreis und die rund um den Globus steigenden Zinsen hinzu, verdunkeln sich die Aussichten schlagartig. Diese Risiken allein würden eine stabile Wirtschaft vermutlich nicht aus der Bahn werfen. Die globalen Ungleichgewichte haben die Welt jedoch derart verletzlich gemacht, dass ein externer Schock die Konjunktur schnell abwürgen könnte. Ein dramatischer Absturz des Dollars gepaart mit einem starken Anstieg der Zinsen in den USA – und schon meldet sich das Gespenst einer weltweiten Rezession zurück.

Die Rezepte, um diese Risiken in den Griff zu bekommen, sind bekannt: Amerika muss mehr sparen, Europa mehr für seine Binnennachfrage tun und Japan seine Staatsfinanzen in Ordnung bringen. Indien und China müssen akzeptieren, dass mit ihrem wirtschaftlichen Aufstieg nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten verbunden sind. Wer von der Globalisierung profitiert, muss ihr im eigenen Lande die Tür öffnen. Unterm Strich würden die gemeinsamen Anstrengungen die globale Nachfrage besser ausbalancieren und so die Welt krisenfester machen.

Bei seiner Frühjahrstagung kann der IWF trotzdem nur wenig Fortschritte bei der Korrektur der globalen Schieflage feststellen. Alle Regionen zeigen mit dem Finger auf die Sünden der anderen. Es fehlt eine unabhängige Institution, die den nur auf sich bedachten Mitspielern den Spiegel vorhält und ein koordiniertes Risikomanagement einfordert. Den IWF-Ökonomen muss diese Erkenntnis wie eine bittere Ironie erscheinen, ist der Fonds doch geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Dass er sie in den vergangenen Jahren nicht erfüllt hat, liegt nicht nur an seiner eigenen Schwerfälligkeit. Schuld sind auch die mächtigen Mitgliedsländer, die sich nicht in die Pflicht nehmen lassen wollen.

Es trifft sich deshalb gut, dass der IWF am Wochenende seine eigene Reform vorantreiben will. Das Ziel sollte eine Institution sein, die sich auf die wesentlichen Probleme der Weltwirtschaft konzentriert und sich nicht scheut, auch ihren mächtigsten Mitgliedern auf die Finger zu klopfen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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