Kommentar
Risiko und Freiheit

In München forscht und lehrt der Physiker Theodor Hänsch, der in diesem Jahr 65 wird. Der Nobelpreisträger ist mit Haut und Haaren Wissenschaftler, aber als Direktor am Max-Planck-Institut ist er auch Beamter und sollte deshalb jetzt in Ruhestand gehen. Doch dagegen protestierte er laut. Zu Recht.

In der Wissenschaft gehört ein 65-Jähriger eben nicht zum alten Eisen. Vermutlich war es dieser Fall, der das Bundesforschungsministerium veranlasste, so genannte „Senior-Professuren“ einzurichten, damit Hänsch und andere ihre Karriere nicht in den USA fortsetzen müssen.

Dies ist nur ein kleiner Nebenaspekt des mit sechs Milliarden Euro dotierten Programms von Bundesforschungsministerin Schavan. Doch es zeigt, dass sie es ernst meint mit ihren Bestrebungen, den Forschungsstandort Deutschland zu erneuern und international attraktiver zu machen.

Unser Wohlstand ruht auf den Leistungen deutscher Forscher und Ingenieure. Ein wichtiges Ziel des neuen Programms und der „Forschungsunion“ ist es, die „Translation“ zu verbessern, also den Übergang von der Forschung zum marktfähigen Produkt. Das müssen uns die Milliarden Steuergelder schon wert sein.

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, hat Recht, wenn er betont, dass die personelle und institutionelle Verzahnung von Forschung und Industrie nicht ausreicht. Letztlich ist ein gänzlich unbezahlbarer Faktor für den Erfolg einer innovativen Volkswirtschaft und Gesellschaft unumgänglich: die Bereitschaft zum Risiko. Sonst werden keine neuen Produkte und erst recht keine Märkte geschaffen. Warum nur fand sich in Deutschland kein Unternehmen, das das Faxgerät oder das MP3-Format vermarkten wollte, deren Erfindung die Leistung deutscher Forscher war? Es gilt also, unternehmerischen Mut zu fördern. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die vielleicht schwerer zu meistern ist als ein milliardenschweres Investitionsprogramm.

Über allen löblichen Initiativen zur Stärkung unserer Forschungslandschaft dürfen grundlegende Einsichten nicht verloren gehen: Die Wissenschaft ist nicht der Dienstleister der Industrie. Die Grenze zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung ist fließend, auch personell. Doch Sinn und Zweck der Wissenschaft ist nicht primär die Bereitstellung von Innovationen für die Industrie, sondern der Gewinn von Wissen und Erkenntnis. Dies ist eine ganz und gar immaterielle, unökonomische Aufgabe. Glücklicherweise beschert deren Erfüllung der Gesellschaft im Endeffekt auch Wohlstand und Stabilität.

Doch Bedingung hierfür sind intellektuelle Freiheit und finanzielle Sicherheit für die Forschenden – ohne nach dem unmittelbaren materiellen Nutzen ihrer Tätigkeit zu fragen. Und zu den Wissenschaften zählen auch die scheinbar so nutzlosen Geisteswissenschaften. Der Erfolg einer wissensbasierten Gesellschaft in Deutschland gründet nicht nur auf seinen Ingenieuren, Chemikern und Physikern, sondern vor allem auf seinen Dichtern und Denkern. Diese bereiten den Nährboden, auf dem Wissenschaft gedeiht.

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