Kommentar
Ritter von der traurigen Gestalt

Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat für seine Ehre gekämpft und gewonnen. Ein Gewinner ist er dennoch nicht – genauso wie alle Beteiligten in diesem unwürdigen Verfahren.
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Er ist der Ritter von der traurigen Gestalt: Christian Wulff hat für seine Ehre gekämpft und gewonnen. Ansonsten aber hat er alles verloren: Frau und Amt, Haus und Hof. Als Staatsmann werden wir ihn nicht wiedersehen, sein Abgang war zu spektakulär, er zog sich zu lang hin, er verstrickte sich in zu viele Wendungen. Als Privatmann aber kann Wulff jetzt wieder aufatmen. Er hat seinen Ruf repariert und nur darum ist es ihm in dieser Posse vor Gericht gegangen.

Drei Lehren bleiben hängen. Die erste: Auch in Deutschland ist sich offenbar kein Gericht und keine Staatsanwaltschaft zu schade, einen politischen Prozess zu führen. Die Aufregung um den Fall Wulff war zu groß, als dass es der öffentliche Ankläger gewagt hätte, den Fall wegen Belanglosigkeit geräuschlos aus der Welt zu schaffen. Auch Wulff spielte da nicht mit. Am Ende war es der Angeklagte, der die Ankläger vor sich hergetrieben hat.

Die zweite: Zum Amt des ersten Mannes im Staat gehört mehr, als das richtige Parteibuch, politisches Gespür und eine schnelle Auffassungsgabe zu besitzen. Der Fall Wulff hat uns allen klar gemacht, dass Werte wie Unabhängigkeit, Klugheit, Verantwortungsbewusstsein auch im Privaten und eine gewisse Immunität gegen Eitelkeit Voraussetzungen sind, die der Kandidat eigentlich mitbringen muss. Sein Nachfolger Joachim Gauck dürfte den Fall genau seziert haben , um nicht in die gleiche Falle zu rennen. Bisher hat er sich gut gehalten.

Die dritte Lehre zwingt uns Journalisten auch zur Selbstreflektion. Die Rolle, die wir Medien gespielt haben, wirft nicht das beste Licht auf unsere Branche. Aus einem Anfangsverdacht, der sich bestätigte, wurde eine nationale Hetzjagd auf das Staatsoberhaupt, die auch vor den unwesentlichsten Details nicht halt machte. Aus Vorteilsnahme im Amt wurde so die Bobbycar-Affäre. Wir Journalisten müssen immer wieder aufs Neue entscheiden, wo das öffentliche Interesse aufhört und die Integrität des Privaten beginnt. Der Fall Wulff ist auch ein Beispiel für unsere Lehrbücher.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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  • Hingerichtet? Korruption ist aus meiner Sicht die Annahme von Geld und sonstiges erst strafbar, wenn eine Gegenleistung erfolgt.Der "Skandal" Wulff war doch, er wollte die Pressefreiheit einschränken bzw. abschaffen. Davon spricht keiner mehr.

  • Tja, Herr Stock,

    die Medien - und da schließe ich das Handelsblatt mit ein - haben den Herrn Wulff sauber hingerichtet. Und jetzt hat er einen Freispruch erster Klasse. Ich erwarte nun, dass nun genauso konsequent die verantwortlichen Journalisten und Chefredakteure zur Rechenschaft gezogen werden. Bitte übernehmen Sie und Ihre Kollegen die Verantwortung für die Zerstörung eines Menschenlebens und treten Sie zurück! Ich hoffe auch, dass den Verlagshäusern und Journalisten Klagen in Mio - Höhe ins Haus winken. Nicht, dass der feine Herr Wulff mehr Kohle bekommt, sondern vielmehr, dass niederträchtige Journalisten, die offensichtlich keinerlei Berufsehre mehr besitzen, auch zur Rechenschafft gezogen werden.

  • Der Verlierer in dieser Angelegenheit sind wir. Wir haben den Respekt vor den Journalisten verloren. Die 5 Macht im Staat sind die Journalisten und wie zu Hitlers Zeiten haben wir uns von Ihnen verführen lassen einem Mann um sein Amt zu bringen. Er hat sicher Fehler gemacht und das hat er auch eingeräumt. Nun ist er Frei gesprochen und niemand weder die Presse noch die Herren und Damen Staatsanwälte haben sich bisher bei Herrn Wulff entschuldigt, Im Gegenteil wie dieser und viele weitere Artikel belegen treten die Damen und Herren Journalisten noch nach und fühlen sich gut dabei. Ihr solltet Euch schämen. Die Quittung bekommt Ihr ja gerade dafür. Euch glaubt niemand mehr. Ich für meinen Teil bedaure was vorgefallen ist und möchte mich bei Herrn Wulff entschuldigen. Herr Wulff:"Es tut mir Leid."

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