Kommentar
Ruandas Boom hat seinen Preis

Ruanda gilt 20 Jahre nach dem Völkermord als Afrikas Vorzeige-Ökonomie. Hohes Wachstum, moderne Infrastruktur, niedrige Kriminalität – das Land macht eine erstaunliche Entwicklung durch. Doch die hat ihre Schattenseiten.
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KapstadtWegen des beispiellosen Ausmaßes des Völkermordes im Jahr 1994 wird Ruanda international bis heute fast nur mit den blutigen Ereignissen von damals in Verbindung gebracht. Oft übersehen wird dabei jedoch, dass sich das Land  unter der Führung seines autoritären Staatschefs Paul Kagame seit einigen Jahren völlig neu erfindet. Unerbittlich verfolgt der 56-Jährige zum Beispiel seine „Vision 2020“: Bis dahin will der Staat im Herzen Afrikas den fast aberwitzigen Sprung vom Agrar- zum High-Tech-Land schaffen und zum Technologiezentrum Afrikas werden.

In der Hauptstadt Kigali werden heute überall neue Funkmasten errichtet und Glasfaserkabel verlegt. Aber auch die ländlichen Gebiete sollen bis in den letzten Winkel mit dem Rest der Welt verbunden werden – ein für das afrikanische Land bei seinem gegenwärtigen Entwicklungsstand mehr als revolutionäres Unterfangen.

Selbst viele Kritiker der harten Politik Kagames gestehen heute oft ein, dass Ruanda seit dem Völkermord vor 20 Jahren eine in Afrika einzigartige Metamorphose vollzogen hat: Symptomatisch dafür steht neben der Sicherheit des Landes auch seine Sauberkeit, bedingt nicht zuletzt durch das strikte Verbot von Plastiktüten. Seit längerem schon arbeitet die Regierung mit alternativen, im Land produzierten Verpackungsmethoden.

Aber auch sonst ist der Zwergstaat mit seinen 11,5 Millionen Menschen Vorreiter für einen ganzen Kontinent: Während in fast allen anderen Teilen Afrikas die Urwälder abgeholzt werden, ist der Anteil der Waldfläche in Ruanda seit 1994 um mehr als ein Drittel gestiegen, was vor allem beim Kampf gegen die Erosion und der in Afrika weit verbreiteten Überweidung geholfen hat. Obwohl Ruanda mit 325 Menschen pro Quadratkilometer das mit Abstand am dichtesten besiedelte Land des Kontinents ist, kann es sich durch diese vorausschauende Politik heute selbst ernähren.

Die Schattenseiten des Booms

Vor allem wirtschaftlich ist die frühere belgische Kolonie mit einer anlegerfreundlichen Politik und den dadurch bedingten Wachstumsraten von durchschnittlich rund acht Prozent in den letzten fünf Jahren weit besser als der Rest des Kontinents gefahren. Unter Kagame hat sich das Sozialprodukt seit 2005 von einer allerdings extrem niedrigen Basis auf rund 600 US-Dollar pro Kopf verdoppelt. Auch haben die meisten Ruander heute eine Krankenversicherung, die größtenteils aus ausländischen Geldern finanziert wird. Während die Armut in Afrika insgesamt noch immer steigt, hat sich die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, in Ruanda von 70 Prozent auf jetzt noch knapp 50 Prozent der Bevölkerung verringert.

Einfach dürfte der von oben erzwungene Sprung in die Moderne dennoch nicht werden. Dies liegt zum einen an dem gigantischen Aufholbedarf: So liegt die Stromproduktion im Land bei extrem geringen 100 Megawatt, weswegen nur sieben Prozent der Menschen ans Stromnetz angeschlossen sind. Zum anderen gibt es viele politische Hürden: Nicht wenigen Ruandern widerstrebt es, grundlegende Freiheiten den großen Zukunftsplänen Kagames unterzuordnen.

Es gibt weder Presse- noch Versammlungsfreiheit. Auch lässt das Regime eine offizielle Opposition partout nicht zu. Gerechtfertigt wird dies mit der notwendigen Versöhnung nach dem Völkermord. Zwar wurde der Unterschied zwischen Hutus und Tutsis per Dekret offiziell abgeschafft. Doch unter der Oberfläche köcheln oft noch immer tiefe Ressentiments. Dazu kommt der vergleichsweise riesige und instabile Ostkongo, eine enorme Hypothek für Kagame.

Viel wird nun davon abhängen, ob Kagame sein Versprechen einhält und in Einklang mit der Verfassung nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit im Jahre 2017 mit dann nur 59 Jahren tatsächlich abtritt. Wahrscheinlich ist dies nicht: Zuviel hängt noch immer an seiner Person – und ein Nachfolger ist nirgendwo in Sicht. Vor dem Hintergrund des Genozids ist der Hang zur gesellschaftlichen Kontrolle verständlich. Ob sie am Ende aber auch Modellcharakter für Afrika haben könnte, wie immer mehr Beobachter glauben, werden die nächsten Jahre zeigen.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent

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