Kommentar
Scharfe Zäsur für die EZB

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht erneut im Streit über die Geldpolitik mit den im Ecofin versammelten europäischen Finanzministern. Mitten in dieser Kontroverse steuert sie auf die schärfste Zäsur in ihrer jungen Geschichte zu: Im Mai endet die achtjährige Amtszeit von Chefvolkswirt Otmar Issing, dem letzten im Direktorium noch vertretenen Gründungsmitglied.

Für die Bank wird dieser Einschnitt tiefer sein als der Wechsel im Amt des Präsidenten von Wim Duisenberg zu Jean-Claude Trichet. Denn Issing ist verantwortlich für das Kerngeschäft der EZB: die volkswirtschaftliche Analyse und Prognose. Die Vorbereitung der geldpolitischen Entscheidungen liegt allein in seiner Hand. Issing war ein Glücksfall für die EZB. Er war schon ein anerkannter Wissenschaftler und gestandener Notenbanker, als er 1998 zur Bank kam. Er hat die junge Institution mit aufgebaut, seine wirtschafts- und geldpolitischen Grundüberzeugungen haben sie geprägt. Issing dominiert kraft Kompetenz und Person. Der Respekt, den er genießt, ist auch das Ergebnis richtiger Entscheidungen.

Trichet erwägt, die bisherigen Strukturen zu ändern. Das ist verständlich, nicht nur, weil er mit Issings gewachsener Autorität oft genug gehadert hat. In keiner anderen großen Zentralbank hat der Chefvolkswirt eine derart herausgehobene Stellung. Es wäre auch nachvollziehbar, wenn der EZB-Chef – ein Mann mit ausgeprägtem Machtanspruch – mit dem Gedanken spielen würde, die Nachfolge von Alan Greenspan als an den Finanzmärkten verehrter Doyen der internationalen Geldpolitik anzustreben. Die logische Folge wäre, die EZB so auf ihren Präsidenten zuzuschneiden, wie die US-Notenbank auf den jetzt ausscheidenden Greenspan zugeschnitten ist.

Die Frage ist nur, ob damit Trichet und der europäischen Geldpolitik gedient wäre. Greenspan ist der brillante intellektuelle Kopf des Federal-Reserve-Systems, ein Vollblutökonom, dem die Meinungsführerschaft wegen seiner Expertise zugewachsen ist. Ihn kopieren zu wollen dürfte Trichet überfordern. Er ist kein Ökonom, sondern Verwaltungsexperte mit viel Erfahrung in der französischen Bürokratie und Nationalbank. Weite Teile der Fachwelt teilen diese Meinung, die sie aus Höflichkeit nicht öffentlich äußern.

Hinzu kommt, dass der Euro-Raum wegen seiner Heterogenität nicht mit den USA vergleichbar ist. Der EZB-Rat ist ein Club selbstbewusster, eigenständiger nationaler Notenbankgouverneure. Der EZB-Chef müsste mit erheblichen Widerständen rechnen, wollte er sich auf deren Kosten profilieren.

Trichet sollte stattdessen den Rat stärker in die Pflicht nehmen, dessen Kompetenz nutzen. Die Mitglieder des Direktoriums und die Gouverneure könnten, von ihren Mitarbeitern informiert, in die geldpolitischen Sitzungen gehen, ohne Intervention eines Chefvolkswirts. Das Direktorium verlöre zu Gunsten des Rats an Gewicht, was ein institutioneller Vorteil wäre: Die Qualifikation der Direktoriumsmitglieder hätte nicht mehr die entscheidende Bedeutung.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%