Kommentar: Schatten des Zweifels

Kommentar
Schatten des Zweifels

Annette Schavan ist zurückgetreten. Hätte Sie trotz der Aberkennung ihres Doktortitels nicht trotzdem eine gute Ministerin sein können? Vielleicht, aber für Zweifel ist kein Platz.

DüsseldorfAnnette Schavan geht – und löst Betroffenheit aus. Wir zollen ihrer Entscheidung Respekt, wir fragen uns, ob selbst eine bewusste Täuschung, wie sie die Universität Düsseldorf in ihrer Doktorarbeit festgestellt hat, nicht irgendwann verjährt ist und wir diskutieren, ob eine Frau, deren Studienabschluss nicht in Ordnung ist, nicht dennoch eine Generation später eine gute Ministerin abgeben kann.

Auf alle diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Und weil das so ist, ist der Rücktritt der einzig richtige Schritt, zu dem sich Annette Schavan entscheiden konnte. Eine Ministerin, deren Person so mit Zweifeln belastet ist, kann ihr Amt nicht ausfüllen. Es geht hier schließlich nicht um politischen Streit oder um inhaltlichen Disput – sondern um ein persönliches Defizit. Und da sich die Schatten des Zweifels an ihrer Integrität nicht ausräumen lassen, bleibt nur der Rücktritt.

Wer der Ministerin jetzt hinterher trauert, der sollte überlegen, was er mit Anette Schavan verbindet. Sie ist in ihrem Amt eine kluge Arbeiterin gewesen, eine öffentliche Antreiberin war sie nicht. Die Chance, Bildung und Forschung nicht nur als Thema darzustellen, bei dem jeder nickt, sondern als Existenzgrundlage unseres Landes, an der jeder mitbauen muss, hat sie verpasst.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%