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Kommentar: Scheinheilige Händler

Große Einzelhandelsketten betonen gern ihren Vorbildcharakter. Doch wie die Fälle Kaufland und Netto abermals zeigen, gehören auch Billig-Arbeitskräfte von Subunternehmen zur Unternehmensstrategie.

Eine Berliner Filiale des Lebensmittel-Discounters Netto. Quelle: dapd
Eine Berliner Filiale des Lebensmittel-Discounters Netto. Quelle: dapd

Die Supermarktkette Kaufland, die wie der Discounter Lidl zur Schwarz-Gruppe gehört, wirbt mit einer prallen, runden Erdkugel. Darauf steht: „Wir übernehmen Verantwortung!“ Und das schließt, so schreibt Kaufland ausdrücklich auf der Webseite, „betriebliche Abläufe und den Umgang mit unseren Mitarbeitern“ ein.

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Kirsten Ludowig ist Redakteurin im Ressort Unternehmen und Märkte. Quelle: Pablo Castagnola
Kirsten Ludowig ist Redakteurin im Ressort Unternehmen und Märkte. Quelle: Pablo Castagnola

So weit die schöne Werbewelt, der Alltag sieht anders aus. Da ersetzen Supermärkte wie Kaufland und Discounter wie Netto gerne das gut bezahlte Stammpersonal gegen billigere Kräfte. Durch die Regale gehen, Waren zusammenstellen, verpacken, Gabelstapler fahren – das alles ist keine Quantenphysik, denken sich viele. Dazu braucht es keine teuren, über drei Jahre ausgebildeten Fachkräfte. Das ist nicht die feine Art. Aber verboten ist es auch nicht, solange die Regeln nicht gebrochen werden. Genau dieser Verdacht drängt sich jetzt bei Kaufland und Netto auf.

Das Zauberwort heißt: Werkvertrag. Die Händler übertragen bestimmte Arbeiten an Subunternehmen. Offiziell sind die Kräfte, die zu Supermärkten geschickt werden, bei den Subunternehmen beschäftigt. Das heißt im Klartext: Sie werden sehr viel schlechter bezahlt als die Mitarbeiter, die bei den Supermärkten direkt angestellt sind. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das gilt nur für Leiharbeiter, nicht für Werkvertragler. Das heißt aber auch: Die Händler haben keinerlei Weisungsrecht gegenüber diesen Kräften. Wer was wie zu machen hat oder wann kommt und geht, das bestimmen allein die Subunternehmen. Läuft es anders, werden die Mitarbeiter der Subunternehmen behandelt wie die eigenen, ist theoretisch ein Arbeitsvertrag zustande gekommen. Und dann müssten sie mindestens wie Leiharbeiter bezahlt werden. Die genaue Grenze ist nicht leicht zu bestimmen – aber der Zoll geht offenbar davon aus, dass sie bei Kaufland und Netto überschritten wurde.

Im Fall des Verdachts gegen Netto ist die Sache besonders heikel: Der Discounter gehört zur Einzelhandelsgruppe Edeka. Sie wird seit 2008 von Markus Mosa geleitet. Der 43-Jährige ist gleichzeitig Vizepräsident des Handelsverbands Deutschland. Der HDE vertritt rund 100.000 Mitglieder. Arbeit und Soziales, dazu gehört natürlich auch die Tarifpolitik, ist eins der Kernthemen des Verbands. Ein gutes Vorbild sieht anders aus.

Einzelhandel

Auch Anton Schlecker, der Gründer und Inhaber der insolventen Drogeriekette, hat seine Erfahrungen mit Lohndumping. Schlecker und seine Frau Christa wurden Ende der 1990er-Jahre zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif entlohnt hatten.

Die Autorin ist erreichbar unter: ludowig@handelsblatt.com

  • 25.01.2012, 10:09 UhrAnonymer Benutzer: Insider

    @Biettschekoopen:

    Ihre Agumentation geht ins Leere! Auf der einen Seite sagen Sie, hey der Wettbewerb ist so hart (teile ich) und auf der anderen Seite sagen Sie, daß die Unternehmen überfordert sein könnten einen "gerechten" Lohn zu zahlen. - Was immer ein gerechter Lohn ist...DAS möchte ich an dieser Stelle garnicht mit Ihnen näher erörten.Fakt ist, das der seit dem 01. November bestehende Tarifvertrag in der Zeitarbeit (iGZ=Interessengemeinschaft Zeitarbeit) eine Mindestvergütung, für einfache Helfer, von € 7,89 je Stunde vorschreibt. Nach 9 Monaten in den selben Entleihbetrieb ist noch eine Zulage in Höhe von € 0,20 zu zahlen. Damit liegt die Lohnstufe, im Durchschnitt, bei etwa € 8,-- je Mitarbeiter. Ich kenne viele "konventionelle" Firmen, außerhalb der Zeitarbeit, die deutlich unter diesen Tarifen liegen! Ab dem 01. November diesen Jahres erfolgt die nächte Tarifanpassung auf € 8,19 zzgl. einer o.g. Zulage in Höhe von € 0,20 / Stunde.

    Vor 30 Jahren habe ich als Schüler die Regale in einen Supermarkt aufgefüllt und hatte einen Stundenlohn in Höhe von DM 15,--, entspr. € 7,67 / STunde verdient. DA hat der Liter Diesel aber noch DM 0,90, entpr. € 0,46 / Liter gekostet!!! Vor 30 Jahren hat ein Kilo gemischtes Hack DM 10,--, entpr. € 5,10 gekostet, heiute erhält man es im Angebit für € 3,50..was kriegt das Rind zu fressen?
    Es ist einfach einiges bei den Preisen aus dem Ruder gelaufen...

  • 25.01.2012, 08:43 UhrBietchekoopen

    Die im Artikel aufgeworfene Frage, ob es für das Auffüllen von Regalen, für Reinigungsarbeiten und Gabelstaplerfahren teurer Fachkräfte bedarf ist berechtigt. Dies sind Tätigkeiten die nicht unter den normalen Tarif fallen sollten. Nirgendwo im europäischen Lebensmittelhandel wird so wenig verdient wie im deutschen Lebensmittelhandel und nirgendwo ist der Wettbewerb so hart. Den Verbraucher freut dies, da er preiswert einkaufen kann. Die Unternehmen müssen allerdings permanent nach Optimierungen ihrer Prozesse und ihrer Kosten Ausschau halten um nicht aus dem Markt katapultiert zu werden...siehe Quelle, Karstadt, Ratio, Schlecker usw. Hier zwei Unternehmen an den Pranger zu stellen halte ich für gewagt, da die hier beschriebene Praxis mittlerweile von sehr vielen Unternehmen praktiziert wird. Vielleicht verlangt man den Unternehmen in Deutschland auch zu viel ab? Schauen Sie sich doch einmal in der Welt um.

  • 25.01.2012, 08:37 UhrAnonymer Benutzer: Unternehmensberater

    da hilft nur eins: nicht mehr bei den Scheinheiligen einkaufen.

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