Kommentar
Schmutziger Machtkampf

Der offene Kampf um die Macht in der Labour Party hat begonnen. Deshalb ist es für Prognosen über den Ausgang zu spät: Nun ist alles möglich. Sicher ist, dass er lange und blutig wird und der Labour Party Wunden schlägt, die nur schwer verheilen. Tony Blair hat, wie so viele Politiker, den Zeitpunkt versäumt, an dem er auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Ansehens mit einem unerwarteten Rücktritt hätte überraschen können. Die letzten Tage Margaret Thatchers und die Agonie ihres Nachfolgers John Major kommen uns in den Sinn.

Den Rufen der Labour-Rebellen nach einem „transparenten Zeitplan“ für die Übergabe an den zum Nachfolger fast schon gekrönten Gordon Brown dürfte Blair aber eine klare Abfuhr erteilen, wenn er seine Pläne am Montag der Presse erläutert. Ein solcher Zeitplan würde sein politisches Schicksal sogleich besiegeln und Brown die Insignien der Macht aushändigen. Warum sollte Blair sich ein Ultimatum setzen lassen, wo er gerade mit seiner Kabinettsumbildung den skrupellosen Machtwillen bewies, den man hinter seinem charmanten Lächeln leicht übersieht.

Die Briten rätseln darüber, was sie von dieser Kabinettsumbildung halten sollen. Blair räumte potenzielle Schwachpunkte aus dem Weg und setzte treue Vasallen an die Stelle Wankelmütiger, die wie Außenminister Jack Straw durch unziemliches Flirten mit Gordon Brown auffielen. Ob es nun ein karnevalistischer Trotzakt war, wie die einen sagen, oder der Befreiungsschlag eines brillanten Meisterstrategen, die Botschaft ist klar: die Übergabe an Brown ist nichts, was den britischen Premier in diesen Tagen umtreibt.

Damit hat Blair auch Brown in Zugzwang gebracht. Niemand hat die geringsten Zweifel, dass Brown hinter den Rebellen steht, sie zumindest gewähren lässt. Ihr Plan ist, Blair bei der dritten Lesung des Schulgesetzes in ein paar Wochen, spätestens beim Labour-Parteitag im September anzugreifen. Dann würde der „Bürgerkrieg“ in der Labour Party vor laufenden Fernsehkameras ausgefochten.

Brown muss sehen, wie das Stänkern der Hinterbänkler gegen Blair der Labour Party und damit seinen eigenen Zukunftsaussichten schadet. Entweder er stellt sich nun klar hinter Blair und sorgt für Disziplin in der Partei, oder er muss zum Angriff blasen und die Revolte so schnell und schmerzlos wie möglich über die Bühne bringen. Doch alles spricht dafür, dass Brown die charakterlichen Voraussetzungen für beide Alternativen fehlen. Er schlug bisher alle Chancen in den Wind. Auch am Sonntag blieb er der nörgelnde Zauderer. Der Zeitplan, sagte er schlapp, sei „Sache Tonys“.

So haben sich die Zukunftsaussichten Labours an diesem Wochenende dramatisch verdüstert. Labours schwere Schlappe bei den Kommunalwahlen der vergangenen Woche zeigte, dass die Konservativen unter ihrem neuen, frischen Führer David Cameron nicht nur von Labours Malaise profitieren: Sie sind ihr eigentlicher Grund. Eine erneuerte Partei kehrt verjüngt und optimistisch auf die politische Bühne zurück. Das jagt den Labour-Hinterbänklern einen gewaltigen Schrecken ein. Labour hat sich an der Macht verbraucht und aufgerieben. Die Ideen gehen aus. Die Dekade der Labour-Dominanz ist zu Ende. Britische Politik ist wieder spannend geworden.

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