Kommentar: Selbstbedienungsladen Deutsche Börse

Kommentar
Selbstbedienungsladen Deutsche Börse

Bei der Börse bleibt (fast) alles beim Alten: Die Gewinne steigen in jährlichem Rhythmus auf Rekordniveau, die Dividende wächst und Vorstandschef Reto Francioni verkündet aller Welt seinen Stolz auf diese Leistung. Doch es fehlt eine erkennbare Strategie für die Zukunft.

Ja, die Deutsche Börse kann stolz darauf sein, dass sie Ende der 80er Jahre auf den elektronischen Handel und das Derivatesystem Eurex gesetzt hat. Und sicher, die Trends zu computergesteuertem Wertpapierhandel spülen dem Monopolbetrieb Jahr um Jahr mehr Geld in die Kassen.

Indes, die Welt hat sich seit Ende der 80er Jahre weitergedreht. Elektronischen Handel und erfolgreiche Terminbörsen gibt es auch an anderen Finanzplätzen. Dass diese nun auch von Ideen profitieren, die erstmals mit letzter Konsequenz in Frankfurt professionell umgesetzt wurden, ist nicht der Haken. Der Punkt ist, dass die Wettbewerber nicht nur aufgeholt haben. Sie sind – mit unterschiedlichem Erfolg – dabei, die (Börsen-)Welt der Zukunft untereinander aufzuteilen.

Francioni hat nach dem gescheiterten Versuch einer Fusion mit der französisch dominierten Euronext bislang nicht erkennen lassen, wie er verhindern will, dass die Deutsche Börse nicht ins Hintertreffen gerät. Allerdings gab der vorläufige Jahresbericht 2006 Aufschluss darüber, wer in der Börse das Regiment führt: Die Aktionäre um Hedge-Fonds-Manager Chris Hohn. Sie lassen sich erneut große Teile des Gewinns ausschütten und sorgen mit einem Aktiensplitt dafür, dass der Kurs weiter steigt.

Aufsichtsratschef Kurt Viermetz assistiert ihnen, in dem er kurz vor der Bekanntgabe der Rekordzahlen publikumswirksam Aktien der Börse kauft. Gleichzeitig lehrt der Einstieg Hohns bei der niederländischen ABN und die Forderung nach Aufspaltung, dass er nichts an Aggressivität eingebüßt hat. Wenn es seinem Profit dient, wird er auch für die Deutsche Börse eine Aufspaltung wieder auf die Agenda setzen.

Sicher, die Börse ist ihren Aktionären und Eigentümern verpflichtet. So ist das am Kapitalmarkt. Trotzdem wüsste man am Finanzplatz gerne, was Francioni mit der Börse vorhat. Denn: Wer unterstützt werden möchte, muss auch sagen, wobei er Hilfe braucht. Eine „ruhige Hand“ zu halten, kann man auf Dauer von niemandem verlangen.

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