Kommentar
Selbstbewusstes Lateinamerika

Die jüngsten Enteignungen zeigen: Firmen von der iberischen Halbinsel haben kaum noch Rückhalt in Südamerika. Überraschend ist das nicht. Die spanischen Konzerne haben wenig getan, um sich im Ausland zu integrieren.
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Zwei spanische Konzerne sind in den letzten Wochen in Südamerika überraschend enteignet worden: erst die argentinische Repsol-Tochter YPF, danach der Stromkonzern Red Electrica in Bolivien. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet spanische Konzerne enteignet wurden. Sie sind verlockende Opfer für linkspopulistische Regierungen. Denn spanische Konzerne sind zwanzig Jahre nach Beginn ihrer massiven Investitionsoffensive in Südamerika wenig beliebt in der Bevölkerung und Wirtschaft. Zudem fahren sie wegen der Krise im Mutterland ihre Investitionen stark zurück oder verkaufen Unternehmensteile. Außerdem sind sie leichte Opfer, weil sie politisch wenig unterstützt werden.

Die Diskrepanz zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen wie Telefónica, Santander, Endesa oder Repsol und ihrem gleichzeitig eher mittelprächtigen Ruf in Lateinamerika ist frappant: Die spanischen Konzerne haben bei ihrer Rekonquista vor zwanzig Jahren mutig und im großen Stil bei den ersten Privatisierungen in Lateinamerika zugeschlagen. In wenigen Jahren wurde Spanien zum wichtigsten Auslandsinvestor nach den USA in Lateinamerika. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Südamerikas seit einer Dekade ernteten die Konzerne die Früchte ihrer Entscheidungen und können aus der Region überproportional große Gewinne an die Mutterhäuser überweisen.

Weniger erfolgreich waren die Konzerne jedoch dabei, sich an ihren neuen Standorten nachhaltig zu integrieren: Es fällt ihnen bis heute schwer, Sympathien in der Bevölkerung zu gewinnen. Es mag an den komplizierten Versorgerbranchen wie Telekom oder Energie liegen - doch spanische Konzerne stehen weit oben auf den Beschwerdelisten der Verbraucherschützer wegen des schlechten Service und hoher Preise. Der Fehler von Telefónica, Santander & Co. in Lateinamerika ist, dass sie sich ihren ehemaligen Kolonien in Übersee kulturell zu nahe fühlen. Zwar wird in den meisten Staaten Spanisch gesprochen. Dennoch sind das Geschäftsgebaren, der Kontakt zur Politik und das Konsumentenverhalten in Lateinamerika grundlegend anders als in Spanien.

Aber auch Madrid merkt jetzt schmerzlich, wie wenig Unterstützung es in Lateinamerika politisch genießt: Keine Regierung solidarisierte sich mit Spanien nach den Vorgängen in Argentinien und Bolivien. Spanien, das einstige Wirtschaftswunderland Europas, hat in der Region schon länger an Strahlkraft verloren: Beim letzten Iberoamerika-Gipfel reiste nicht mehr als die Hälfte der Staatschefs aus der Region an.

Nachdem die Spanier jetzt wieder zu den Sorgenkindern Europas zählen und den Rückfall in die Zeit der Auswanderung erleben, emanzipiert sich das kraftstrotzende Lateinamerika von seiner einstigen Kolonialmacht. Für Europa hat das zwei wichtige Konsequenzen: Einerseits wird Spanien seiner Rolle als Sprecher Lateinamerikas in Europa nicht mehr gerecht. Andererseits können die seit langem stagnierenden Verhandlungen über eine Europa-Mercosur-Wirtschaftsgemeinschaft mit der Enteignung in Argentinien endgültig für gescheitert erklärt werden.

Der Autor ist erreichbar unter: busch@handelsblatt.com

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

Kommentare zu " Kommentar: Selbstbewusstes Lateinamerika"

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  • Die spanischen Konzerne haben, wie die USA, den wachsenden Einfluss der Chinesen in Lateinamerika unterschätzt...Es begann mit Surinam vor 15 Jahren .Selbst mittelamerikanische
    Länder ohne nennenswerte Rohstoffe, Costa Rica zum Beispiel,erhielten grosszügige Finanzierungen...Verzinsung 1 Prozent bei langen Laufzeiten..In Bolivien baut die Volksrepublik China Eisenbahnen und Strassen.. die vorher nicht finanzierbar waren..Das ist ein Teil der Erklärung...
    Es gäbe noch mehr...

  • Fe de errata:

    Wie würden denn die Deutschen reagieren, wenn Ihre Firmen enteignet würden? Wo bleibt bei diesem Artikel die deutsche Solidarität mit einem EU-Mitgliedstaat? Feige fällte man den Partnern in den Rücken. Kein Wunder, dass wir wieder zum Feindbild werden.

    MfG
    Deutsch-Spanier

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