Kommentar
„Sozialtourismus“ verdient den Titel Unwort des Jahres

Gut, dass das Wort „Sozialtourismus“ an den Pranger gestellt wird. Es ist fremdenfeindlich und setzt zusammen, was nicht zusammengehört: Spaß und Armut. CSU-Populisten können sich dagegen über die Auszeichnung freuen.
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Das Wort „Sozialtourismus“ verdient den Titel Unwort des Jahres. Denn die Wortschöpfung der CSU macht Stimmung gegen Ausländer. Richtig also, dass da mal jemand deutlich macht: Politik (und Medien) bedienen sich schon fast selbstverständlich eines Wortes, das fremdenfeindlich ist.

Doch es ist noch schlimmer: Denn das Wortungetüm, das da zwei Begriffe zusammensetzt, die so gar nicht zueinander passen wollen, unterstellt ja auch noch Spaß. Stellen Sie sich das Wort Tourismus vor. Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf. Was sehen Sie? Vielleicht einen Strand, vielleicht ein Hotel oder ein Zelt oder schöne Landschaften oder den Petersdom. Tourismus, das Wort ist erst mal positiv konnotiert, das ist etwas Schönes, Gutes, Erholung, Freizeit – und auch ein Stück Luxus.

Und jetzt denken Sie an die Menschen, denen manche Politiker Sozialtourismus vorwerfen: Ohne Job, ohne Perspektive; arm, vielleicht sogar hungernd. Das sind also diejenigen, die Tourismus betreiben? Das Wort setzt etwas in Beziehung, was nichts miteinander zu tun hat – Spaß und bittere Armut. Gut also, dass dieses Wort an den Pranger gestellt wird.

Doch das ist leider nur die eine Ebene. Denn die zweifelhafte Auszeichnung zum Unwort des Jahres hat einen weiteren Effekt: Sie bringt denen Aufmerksamkeit und Bestätigung, die diese Debatte angezettelt haben: der CSU. Auch wenn die Partei gerüffelt wird für diese Wortschöpfung und andere Formulierungen wie zuletzt dieser Ausspruch des Bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofers: „Wer betrügt, der fliegt“: Unterm Strich bleibt stehen: Die Partei hat ihr Thema auf der Tagesordnung der Politik und der Öffentlichkeit platziert.

Auch wenn die CSU viel Kritik einstecken und sich den Vorwurf des Rechtspopulismus gefallen lassen muss: Das wird der Partei egal sein. Denn sie profitiert davon.
Was bleiben muss, ist mehr Achtsamkeit, was genau wer eigentlich sagt und meint. Und der Anfang sind die Worte.

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  • Ein Wort wird Unwort des Jahres, wenn es zwar oft gebraucht wird, es aber als Begriff für das, was es beschreiben soll, unglücklich gewählt worden ist, es beispielsweise zu Mißdeutungen verleiten könnte.

    Maike Freund hat im Stillen womöglich ein zutreffenderes Wort für den unbestreitbaren Sachverhalt gefunden, auf den die CSU dankenswerterweise dringlich aufmerksam gemacht, „eine Debatte darüber angezettelt“ hat. Eines, das hilfreicher ist?

    Oder vermag sie nur das drohende Problem nicht erkennen?

  • Also für mich war das Wort "GroKo" das Unwort des Jahres. Aber für die Politikerdarsteller war es das Wort des Jahres. So kann man den Blick für die Realität verlieren.

  • Na, dann machen Sie doch einfach mal einen Vorschlag! Ganz im Ernst, JEDER (auch Sie), der sich erst mal eigene Gedanken (die dafür benötigten Hintergrundinformationen können Sie sich heute jederzeit über das Internet beschaffen) und dann einen wenigstens halbwegs durchdachten Vorschlag macht – einen verfassungs- und UN-Menschenrechtskonformen, versteht sich – ist (bzw. wäre) ein echter Gewinn für die Allgemeinheit…
    Viel zu viele Leute lassen sich die Entscheidungen über Dinge, die sie selbst betreffen von anderen, u.a. Politikern, aus der Hand nehmen und beschränken sich anschließend aufs Meckern. Ist ja auch bequemer so. Ziemlich kindisch, finden Sie nicht selbst?
    Die Politiker sind weder unsere Herrscher noch unsere Vormünder (wir sind schließlich erwachsen), aber wir benehmen uns manchmal so, als ob sie das wären. Dabei sind sie lediglich von uns gewählte Vertreter, weil wir (noch?) nicht jeder über alles selbst abstimmen können. Wenn es irgendwann tatsächlich mal soweit sein sollte, wären wir ohnehin gezwungen, uns viel fundierter als heute mit allen möglichen zur Entscheidung stehenden Dingen zu befassen (und uns in zivilisierter Form darüber auszutauschen).
    Wäre am Anfang wahrscheinlich ziemlich anstrengend – man gewöhnt sich bekanntlich an alles -, aber dann bestimmt auch viel befriedigender, v.a. aber effizienter als das heutige System.
    Wir sollten vielleicht ab und zu bedenken, dass wir im Vergleich zu vielen anderen Ländern viel mehr Möglichkeiten (bzw. Freiheiten) haben, nicht zuletzt wegen der in unserer Verfassung garantierten Rechte, aber auch aufgrund unserer relativ guten ökonomischen und materiellen Situation (es ist halt wirklich alles relativ!!).
    Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass das jedem, der hier lebt, auch klar ist, weil so viele davon keinen Gebrauch machen. Schade.
    Statt uns ständig von anderen – wem auch immer - etwas erzählen zu lassen, sollten wir uns besser selbst so gut wie möglich – und da geht heute viel – informieren.

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