Kommentar
Spirale des Schweigens

Was er mit seiner Schelte für die Ostdeutschen erreichen will, weiß nur der CSU-Chef selbst. Klar dürfte sein, dass es kein Ausrutscher war, Edmund Stoiber aber auch nicht die Demontage der eigenen Kanzlerkandidatin Angela Merkel betreibt.

Möglicherweise hat er mit einer schweigenden Mehrheit in Westdeutschland kalkuliert, die sechzehn Jahre nach dem Mauerfall vom Aufbau Ost genug hat. Zum patriotischen Vibrato über das Geschenk der Einheit passt das zwar nicht, und wahltaktisch mag das Kalkül nicht einmal aufgehen. Aber Emotionen lassen sich zweifellos auf diese Weise wecken.

Denn man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass Begriffe wie Ossi, Wessi oder die Formel von der „Mauer in den Köpfen“ antiquiert wirken und in jüngster Zeit wenig über den innerdeutschen Ost-West-Gegensatz gesprochen wird. Das einhellige Beschweigen ist gerade nicht Zeichen eines gesunden Zusammenwachsens und geschwundener Vorurteile.

Vielmehr erleben wir einen verlogenen Nichtangriffspakt: Politiker aus dem Westen halten den ostdeutschen Bundesländern nicht mehr offen vor, dass Transferzahlungen in Milliardenhöhe noch über Jahre hinweg fließen, obwohl sie zu oft wirkungslos versickern. Die ostdeutschen Politiker dagegen verkneifen sich jeden Hinweis darauf, dass ihre Bevölkerung täglich erlebt, was Strukturreformen sind, dass sie Flexibilität und Mobilität beweisen muss, über die der Westen so gerne parliert. Diese Schweigespirale lässt die Ressentiments nicht schwinden, sondern verstärkt sie. Viele Westbürger glauben schon, dass sich im Osten nur noch Versager tummeln, die mit Milliarden gepäppelt werden und trotzdem frech PDS wählen.

Die unehrliche, weil nur vorgetäuschte Harmonie muss aufgebrochen werden, wenn die Ressentiments nicht weiterwachsen und immer wieder instrumentalisiert werden sollen. Wer erbringt welche Anpassungsleistung, welche Subventionen sind noch sinnvoll: Wenn darüber offen und seriös gestritten wird, verliert auch jede Kollektivbeschuldigung des einen oder anderen Landesteils ihre Attraktivität.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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