Kommentar: Starker Euro macht Druck

Kommentar
Starker Euro macht Druck

Bärenstark sieht der Euro aus: Am letzten Tag des Jahres 2003 durchbrach er zeitweise sogar die Rekordmarke von 1,26 Dollar. Rund ein Fünftel hat er in einem Jahr gegenüber der US-Währung zugelegt. Wie weit wird er noch steigen? Ab welcher Marke schädigt der Höhenflug den deutschen Export – und damit den wichtigsten Hoffnungsträger für den heimischen Arbeitsmarkt?

Nur in einem Punkt sind die Experten einig: Die Stärke des Euros ist eigentlich eine Schwäche des US-Dollars. Das ist schon daran abzusehen, dass auch andere Länder, zum Beispiel das benachbarte Kanada, die USA auf den Devisenmärkten abgehängt haben. Außerdem werden als Begründung für die Euro-Stärke immer wieder die Defizite der USA in der Leistungsbilanz und im Staatshaushalt genannt.

Auch geldpolitisch entsteht so ein verwirrendes Bild. Während die meisten Analysten spekulieren, wann die Europäische Zentralbank (EZB) im Zuge einer anziehenden Konjunktur die Zinsen erhöhen wird, sehen einzelne Auguren eher eine Senkung voraus, die den Euro-Kurs dämpfen sollte. An welchen Stimmen sollte sich der neue EZB-Chef Jean-Claude Trichet orientieren?

Nüchtern betrachtet ist ein starker Euro weniger gefährlich, als er aussieht. Die meisten Exporte gehen ohnehin in andere Euro-Länder. Währungsverschiebungen zeigen ihre Wirkung zudem meist mit zeitlicher Verzögerung, weil viele Geschäfte am Terminmarkt abgesichert sind. Und schließlich hat ein schwacher Dollar auch Vorteile, weil Importe dadurch billiger werden.

Politisch betrachtet stirbt allerdings das Lager derjenigen nie aus, die die Zentralbank vor allem als Wachstumsmotor betrachten und niedrige Zinsen im Zweifel immer richtig finden. Der starke Euro gibt ihnen ein zusätzliches Argument. So ist vorhersehbar, dass die EZB unter enormen Druck geraten wird, wenn die Währung nachhaltig steigen sollte – schon 1,30 Dollar könnte ein markanter Wert sein.

Doch die EZB dürfte diesem Druck großen Widerstand entgegensetzen, und das zu Recht. Der Zusammenbruch des EU-Stabilitätspaktes und die Versuche, die Rechte der EZB zu schwächen, sollten für den neuen Chef Grund genug sein, seine Unabhängigkeit zu beweisen.

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