Kommentar
Stoiber wird zum Risiko

Angela Merkel will im Wahlkampf schaffen, was bisher als Quadratur des Kreises galt: mit einer „Strategie der Ehrlichkeit“ die Wähler locken. Bravo! Zur neuen Ehrlichkeit gehört indes auch, dass sie reinen Wein über ihr Kabinett einschenkt. Wer soll das Land aus der wirtschaftlichen Stagnation führen? Wer soll die Staatsfinanzen in Ordnung bringen?

Auf den ersten Blick ist die Kanzlerkandidatin in einer ähnlich komfortablen Situation wie der Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft: Für jeden Stammplatz bieten sich mehrere Spieler an. Beispiel Finanzminister: Hessens Ministerpräsident Roland Koch, der CDU-Politiker Friedrich Merz, der Unternehmer Heinrich von Pierer oder Edmund Stoiber könnten den Job machen. Aber der CSU-Chef will sich nicht erklären – und bringt damit Angela Merkel in eine sehr schwierige Lage.

Stoiber prescht mit wirtschafts- und sozialpolitischen Ideen vor, ohne sich mit Merkel abzustimmen. Fegt der öffentliche Gegenwind zu garstig, zieht Stoiber sich in die Staatskanzlei – intern Zauderberg genannt – zurück und hinterlässt den Eindruck einer zerstrittenen Union. Mit seiner Selbstnominierung zum „Was-auch-immer-Minister“ will er sich erst nach der Wahl auf ein Amt festlegen. So verhindert er ein schlagkräftiges Schattenkabinett Merkel und wird zum Risiko für den Wahlkampf.

Friedrich Merz hat den Finger in die Wunde gelegt: Der Wähler will schon jetzt wissen, wer ihn aus der Malaise führen soll. Merz selbst traut sich das wohl zu. Auch wenn sie in der Vergangenheit an seiner Loyalität zweifeln musste, könnte Merkel ihm den Job des Finanzministers anvertrauen: In der Sache hätte die CDU-Chefin auf jeden Fall weniger Konflikte mit Merz als mit Stoiber.

Merkel muss jetzt jene Führungsstärke beweisen, die ihr einige in der Union noch immer absprechen – und Stoiber zur Entscheidung zwingen. Ein Vertrauter Stoibers bemüht ein schönes Bild für die Lage: Wenn einer auf dem Zehn-Meter-Turm steht, dann springt er entweder, oder jemand muss ihn runterholen.

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