Kommentar
Sturmfest machen

Ein neuer Wirbelsturm, und wieder richtet die Welt bange Blicke Richtung Amerika. Die Börsenkurse purzeln, der Ölpreis steigt, rund um den Globus hält die Wirtschaft den Atem an. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gerade erneut gewarnt, dass ein Ölpreisschock zu den größten Konjunkturrisiken zähle.

Die IWF-Experten haben zudem darauf hingewiesen, dass sich die Weltwirtschaft in einer gefährlichen Schieflage befinde. Zu viel hängt vom Schicksal der USA ab, zu wenig tragen andere Regionen zum Wachstum bei.

Ökonomen wissen aus den Erfahrungen mit Naturkatastrophen, dass sie kurzfristig die Wirtschaft schwer schädigen können. Auf lange Sicht sind die Auswirkungen eher gering. Unter normalen Umständen wäre deshalb auch der Hurrikan „Rita“ kein Grund zur Panik. Die Weltwirtschaft befindet sich jedoch in keinem normalen, sondern in einem höchst instabilen Zustand. Ein weiterer starker Anstieg der Ölpreise könnte die Wachstumslokomotive Amerika durchaus stoppen. Ein Inflationsschub und ein kräftiger Einbruch des Verbrauchervertrauens – schon wäre die optimistische IWF-Prognose Makulatur.

Leidtragende wären dann nicht nur die USA. Der Rest der Welt, insbesondere die wachstumsschwachen Europäer, würden auf diese Weise „Rita“ zu spüren bekommen. Denn noch immer gilt die Erkenntnis: Wenn die USA einen Schnupfen bekommen, liegt Europa auf der Intensivstation. Anders als die USA sind die meisten Volkswirtschaften der EU nicht widerstandsfähig genug, um einen derartigen Schock zu verdauen.

Wer sich in Deutschland über den schlechten Katastrophenschutz in den USA mokiert, sollte unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zunächst vor der eigenen Haustür kehren. Die Bilder von „Rita“ sind eine erneute Warnung an uns Deutsche, die Wirtschaft so zu reformieren, dass sie nicht von einem weit entfernten Hurrikan umgeworfen werden kann.

Die Rezepte sind bekannt: flexiblere Arbeitsmärkte, mehr Wettbewerb, geringere Lohnnebenkosten. Das würde die Binnenkonjunktur ankurbeln und wäre damit ein Beitrag zum weltwirtschaftlichen Katastrophenschutz.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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