Kommentar
Teheran in der Sackgasse

Teheran reizt in der Atomfrage aus, was nur geht: durch quälendes Wartenlassen, durch häppchenweise Information, gezielte Desinformation und Vielstimmigkeit. All dies ist nicht grundsätzlich neu im Umgang mit Iran. Doch noch nie stand so viel auf dem Spiel wie jetzt. Denn die Nervenprobe könnte damit enden, dass ein wichtiges Land des Mittleren Ostens zum Paria-Staat erklärt wird – mit allen wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen.

Schnell hat die Führung Irans am Wochenende mit ablehnenden Äußerungen auf den umfassenden EU-Vorschlag reagiert. Das deutet darauf hin, dass sie in einer eigenen Realität lebt. Sie hat wenig mit der Welt zu tun, deren Vertreter mit Iran am Verhandlungstisch sitzen. Die vielen Jahre der Isolation, in die das Land seit dem Sturz des Schahs geraten ist, zeigen Folgen. Der unablässige „brain drain“, der die klügsten Köpfe außer Landes treibt, ist nur ein Problem. Wichtiger ist die engstirnige Selbstbeschäftigung, die offensichtlich zu dem Eindruck führt, Iran sei alleine auf dieser Welt.

Als rationaler Akteur müsste Teheran die schlichte Güterabwägung vornehmen, wie sich Vor- und Nachteile einer Konfrontation mit der EU und den USA zueinander verhalten. Doch wie das Kaninchen auf die Schlange starrt Teheran alleine darauf, ob sich die Sentenz „Recht zur Uran-Anreicherung“ im europäischen Vorschlag findet. Wenn nicht, folgen wie automatisch die harschen negativen Reaktionen.

Gefangen in den Handlungskategorien von Nationalstolz, Gesichtswahrung und Eitelkeit, behindert durch interne Konfusion, hat sich Teheran tief in die Sackgasse manövriert – zumindest aus westlicher Sicht. Das eben ist die Crux: Vielen Entscheidungsträgern in Teheran ist ihr Beharren ehrenvoller als der Kompromiss. Solange dies so ist, gibt es kaum noch Hoffnung auf ein rationales Einlenken. Nur auf eine Eingebung in letzter Sekunde.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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