Kommentar
Teheraner Theater

Wer mit Teheran verhandelt, ist gut beraten, jedes Wort auf seinen tatsächlichen Gehalt abzuklopfen. Und am besten gleich mitzudenken, was zwar nicht gesagt, aber doch gemeint sein könnte.

So wie am letzten Sonntag, als Russen und Iraner in Buschehr über einen Ausweg aus dem Atomkonflikt diskutierten. Von Kompromiss, Entschärfung, gar von Durchbruch war da schnell die Rede. Doch von Fakten gedeckt war die Euphorie keineswegs. Umso mehr von Wunschdenken und Erwartungen. Ein inzwischen kaum noch zu verzeihender Fehler, betrachtet man die lange Historie des Teheraner Katz-und-Maus-Spiels.

Denn der Direktor der iranischen Atombehörde hatte zwar durchaus erklärt, dass man gemeinsam mit den Russen Uran anreichern könne. Gholamreza Aqazadeh hatte aber nicht gesagt, dass dies automatisch bedeute, im Gegenzug auf eine Anreicherung in Iran zu verzichten. Ebendies bestätigte gestern Irans Außenminister Manuchehr Mottaki: Man denke nicht daran, die eigene Atomforschung aufzugeben.

In Wahrheit entspricht das iranische Verhalten exakt der bisherigen Verhandlungsführung. Positionen werden zum Schein preisgegeben, um sie kurz darauf wieder zu reaktivieren. Allgemeine Verwirrung wird gestiftet, an der sich im Ausland Tauben wie Falken abarbeiten dürfen. Ernsthafte politische Bewegung wird aber nur vorgetäuscht. Die Europäer hatten dieses enervierende Spiel lange mitgemacht. Jetzt waren die unerfahrenen Russen an der Reihe. Sie werden deshalb auch nicht sonderlich viel Freude an ihrem diplomatischen Ruhm haben.

Wie schon die umstrittene russische Einladung an die palästinensische Hamas, so ist auch dieser Coup eher kurzatmig. Er rückt Moskau zwar für ein paar Momente auf die weltpolitische Bühne und dabei in jene Rolle, die noch jede Kreml-Führung schätzte: die des Friedensstifters. Doch dauerhaft wird es Moskau nicht helfen, verlorenes politisches Gewicht zurückzugewinnen. Zumindest nicht am Casus Iran. Denn sosehr Teheran an Geschäften mit Russland interessiert ist, so dringlich auch die Atomanlage in Buschehr endlich mit russischer Hilfe fertiggestellt werden soll, die kommerziellen Interessen Irans liegen schon seit geraumer Zeit im asiatischen Raum.

Es ist deshalb kein Zufall, dass Mottaki, just in den Tagen bevor die Internationale Atomenergiebehörde ihren nächsten Bericht vorlegen will, zwischen Tokio, Bangkok und Jakarta pendelt. Die wirklichen großen, in die Zukunft weisenden Energiegeschäfte erwartet der ölreiche Iran auf diesen Märkten, nicht in Russland, das selbst über genügend Gas und Öl verfügt.

Deshalb: Teheran wird mit Moskau weiterverhandeln, schon um sich die einzige Exitstrategie im eskalierenden Atomstreit offen zu halten. Gleichzeitig aber glaubt sich Iran noch immer in einer nahezu unanfechtbaren Position der Stärke. Und diese sehen die Taktiker in Teheran sogar noch jeden Tag wachsen: mit jedem weiteren Abrutschen der Situation im Irak, mit jedem weiteren nervösen Zucken des Ölpreises. Dass mit dem neuen Iran-Report der IAEA nächste Woche nun endgültig der Stab über das Land gebrochen werden soll, erwartet in Teheran kaum jemand. Eher, dass einfach alles weitergeht wie bisher.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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