Kommentar
Trauma Holzmann

Ignaz Walter hatte eine Vision. Aus einer kleinen süddeutschen Baufirma wollte er einen großen Konzern formen. Dreißig Jahre hat der Selfmadeunternehmer an seinem Aufstieg gearbeitet, am Dienstag ist sein Traum zerbrochen.

Die Walter Bau AG ist insolvent. Doch öffentliches Entsetzen hält sich in Grenzen. Im Gegenteil. Die Branche ist froh über die Marktbereinigung, die Banken atmen tief durch, weil sie das Risiko ohnehin loswerden wollten.

Eine Pleite, von vielen herbeigesehnt, für die aber keiner den Schwarzen Peter will. Ignaz Walter nicht, der sich als Opfer von Banken und Managerfehlern im eigenen Hause sieht. Die deutschen Banken erst recht nicht, die vor allem Firmengründer Walter als den Blockierer und Verhinderer betrachten. Mit der ABN Amro fand sich ein ausländisches Kreditinstitut, das den Eiertanz um die Sanierung des Baukonzerns beendete. Das Gezerre um Konditionen und Sicherheiten ist endlich vorbei. Die meisten der 27 Gläubiger hatten nur eines im Sinn: ihr eigenes Risiko gering zu halten. Darüber haben sie den Versuch, den Konzern zu retten, fast vergessen.

Trotzdem sind nicht die Banken und Versicherer die Totengräber von Walter Bau. Die Insolvenz hat der 68-jährige Firmengründer schon selbst zu verantworten, weil er sich der Internationalisierung verschlossen, weil er die Konsolidierung seines unübersichtlichen Firmenkonglomerats verschlafen hatte. Zufrieden zurücklehnen können sich die Banker gleichwohl nicht. Viel zu lange haben sie dem Treiben Walters untätig zugesehen. Und: Noch gibt es keine Endabrechnung. Wer weiß schon, welche finanziellen Zeitbomben in den offenen Bauprojekten schlummern.

Nach Philipp Holzmann verschwindet so innerhalb weniger Jahre ein zweiter Branchenriese von der Bildfläche. Vorbei sind die Zeiten, in denen Wirtschaft und Politik vereint solche Pleitekandidaten aus dem Sumpf zogen. Das Holzmann-Trauma wirkt nachhaltig. Trotz Chefsache beim Kanzler ging der Frankfurter Konzern in Konkurs. Das haben sich deutsche Geldgeber und Politiker hinter die Ohren geschrieben. Nur zum Schlussstrich fehlte ihnen – noch – der Mut.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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