Kommentar
Trauma und Bonus

Für viele Nicht-Amerikaner ist es ein Rätsel, warum US-Präsident George W. Bush immer noch relativ gut im Wahlkampfrennen liegt. Der Grund ist einfach: Bush konnte sich als Garant der Sicherheit etablieren. Die Attacken am 11. September haben in der kollektiven Psyche Amerikas zu einem Trauma der Verwundbarkeit geführt, das nachwirkt. Bushs Kurs militärischer Stärke erschien vielen US-Bürgern als die richtige Antwort. Das Ziel, weitere Anschläge zu verhindern, wurde zur höchsten politischen Priorität erkoren. Von diesem Bonus zehrt Bush noch immer.

Seit gut einem Jahr wird Amerika jedoch von dem Unbehagen geplagt, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt. Immer mehr US-Bürger schauen mit Sorge auf die chaotische Situation im Irak. Sie monieren dabei vor allem die Kosten und die nicht absehbare Dauer des Krieges. Dennoch sagen viele: lieber dem Terrorismus am Golf die Stirn bieten als in Chicago oder Los Angeles. Der Herausforderer John Kerry konnte diese Unzufriedenheit zwar thematisieren. Doch Zweifel bleiben, ob er auch hart genug gegen den Terror kämpfen würde.

Bush hat die USA mit seiner Politik polarisiert. Und er hat die Welt in Freunde und Gegner eingeteilt. Von Beginn seiner Amtszeit an waren ihm multilaterale Abkommen wie das Kyoto-Protokoll ein Dorn im Auge. Er setzte eher auf eine Pax Americana.

Der Irak-Krieg markiert dabei nur den Höhepunkt einer beispiellosen Politik der Stärke. Diese Marschroute ist umso bedenklicher, weil Bushs Begründung für die Invasion wie ein Kartenhaus einstürzte. Der Präsident hat es versäumt zu überzeugen. Seine Vision einer Demokratisierung des Nahen Ostens ist mit Ideologie überfrachtet und in der Praxis kaum einzulösen.

Die Welt des Jahres 2004 passt nicht in das Schema Bushs. Sie ist kompliziert und besteht aus einem Netz gegenseitiger Abhängigkeiten. Mit John Kerry würde nicht alles automatisch besser: Auch der Demokrat würde das Kyoto-Protokoll nicht Knall auf Fall unterzeichnen. Und seine Handelspolitik wäre sogar mit mehr protektionistischem Ballast befrachtet als jene Bushs. Aber Kerry stünde für mehr Pragmatismus und internationale Absprachen. Das wäre heute schon viel.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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