Kommentar
Traumflieger in der Klemme

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie“, heißt es bei Erich Kästner. Der europäische Luftfahrt-Riese EADS hat große Angst – und eine geradezu blühende Phantasie. Er startet ein zehn Milliarden Euro teures Flugzeugprogramm, ohne zu erklären, wo das Geld für den Langstrecken-Airbus der nächsten Generation eigentlich herkommen soll.

Vorstellbar ist vieles: Die Phantasie reicht von einer Kapitalerhöhung über Anleihen bis hin zu staatlichen Anschubkrediten, wie sie in der Vergangenheit von Europas Regierungen geradezu selbstverständlich gezahlt wurden. Die Angst vor einem ausufernden WTO-Verfahren im Subventionswettlauf mit Boeing führt allerdings dazu, dass EADS das Thema Staatshilfen bis auf weiteres ausspart. Die Botschaft, die von der deutsch-französischen Konzernspitze ausgeht, klingt wenig professionell: Wir schauen mal, wie lange wir mit dem eigenen Geld klarkommen. Zur Not kann immer noch eine Regierung helfen. Das Dilemma ist bekannt von anderen Staatskonzernen, die an Kabinettstischen fortwährend faule Kompromisse auskungeln, während der Markt die Regeln diktiert und dynamisch handelnde Unternehmen belohnt. EADS kriecht wie eine Schnecke, während die Airbus-Akrobaten vor lauter Balanceakten nicht mehr wissen, welchen Teller sie als Nächstes drehen müssen. Das Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich erfordert einen ständigen Interessenausgleich sich widerstreitender Positionen. Eine Ebene höher kämpfen die Lobbyisten um eine Art Subventionsausgleich zwischen den USA und Europa. Brüssel, Berlin und Paris sind ausnahmsweise einer Meinung, dass das neue Kunststoffwunder namens Boeing 787 aus ihrer Sicht das am höchsten subventionierte Flugzeug der Luftfahrtgeschichte wird. Der amerikanische Staat habe das Projekt über Steuervergünstigungen, Forschungsförderung und direkte Subventionen mit sechs Milliarden Dollar bezuschusst, heißt der Vorwurf. Bis heute ist es üblich, dass Luftfahrtunternehmen bei Forschungsprogrammen und militärischen Aufträgen die Hand aufhalten. Dabei sind Subventionen für diesen Industriezweig gut 100 Jahre nach dem Erstflug der Gebrüder Wright längst überflüssig. Insbesondere Airbus und Boeing haben sich in einem Duopol bequem eingerichtet, das bei ordentlicher Geschäftsführung gut zweistellige Umsatzrenditen erlaubt. Verglichen etwa mit der Airline-Branche, in der sich weltweit Hunderte von Wettbewerbern tummeln, sind das geradezu traumhafte Margen. Die hausgemachte Krise bei EADS und Airbus darf darüber nicht hinwegtäuschen. EADS indes sitzt in der Zwickmühle. Wenn das Unternehmen jemals im amerikanischen Markt Fuß fassen will, darf es den alten Streit über Subventionen jetzt nicht auf die Spitze treiben. Ein Großauftrag der US-Luftwaffe zum Bau neuer Tankflugzeuge steht an, bei dem über einen Zeitraum von 30 Jahren bis zu 100 Mrd. Dollar Umsatz verbaut werden. Die Summe überstrahlt all das, was sich Airbus und Boeing an Staatshilfen vorwerfen. Würden für die neu zu entwickelnde A350 jetzt wieder staatliche Anschubkredite fließen, sollte EADS seine Globalisierungs-Tour besser ohne den weltweit wichtigsten Rüstungsmarkt USA planen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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