Kommentar
Überfällige Einsicht

Die Finanzierungsbedingungen sind günstig und stehen einem Aufschwung nicht im Wege.“ Mit diesem Satz haben Vertreter der Europäischen Zentralbank und der Bundesbank in den letzten Wochen immer wieder gegen eine weitere Zinssenkung argumentiert.

Zumindest beim Blick nach Deutschland ist aber ein großes Fragezeichen zu setzen. Denn der Leitzins der EZB, auf den die Notenbankvertreter vor allem abheben, ist für die Unternehmen nicht wichtig. Wichtig ist für sie, ob und zu welchen Konditionen sie von den Banken Kredite erhalten. Und da sieht es keinesfalls günstig aus.

Was im Unternehmerlager seit langem jeder weiß und viele selbst erfahren haben, hat nun endlich auch die Bundesbank eingeräumt: Am Kreditmarkt ist es zu Verspannungen gekommen, die sich sogar noch verstärken werden. Im Euro-Raum sieht das Bild nicht ganz so trübe aus wie hier zu Lande, aber die Tendenz ist dieselbe.

Die Probleme der Unternehmen, Kredite zu erhalten, werden den beginnenden Aufschwung bremsen, können ihn sogar gefährden. Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, die steigenden Produktionsvolumina bis zur Auslieferung vorzufinanzieren, können ihre Investitionen nicht ausweiten. Doch ohne Investitionen kein nachhaltiger Aufschwung.

Die überfällige Einsicht der Bundesbank macht den Weg frei zu Ursachenanalyse und Sinnen auf Abhilfe. Die Ursache ist klar: Banken und Sparkassen wollen ihre schwache Rentabilität steigern und gehen daher immer stärker dazu über, das tatsächliche Kreditausfallrisiko bei der Festlegung der Kreditkonditionen zu berücksichtigen. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen, denn ein gesunder Bankensektor ist gut für die Wirtschaft. Gleichzeitig darf man aber nicht die Augen vor den negativen Wirkungen dieses notwendigen Strukturwandels auf die Konjunktur verschließen. Die Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen für die Wirtschaft kann und muss an anderer Stelle kompensiert werden.

Hier ist die Geldpolitik gefordert. Wenn die EZB feststellt, dass die Leitzinssenkungen, die sie beschlossen hat, aus guten Gründen im Bankensektor hängen bleiben und nicht bei den Unternehmen ankommen, muss sie nachlegen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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