Kommentar
Und jetzt Europa, Herr Gauck!

Die ersten Antrittsbesuche des neuen Bundespräsidenten hat Joachim Gauck souverän hinter sich gebracht. Mit gebotener Demut hat er Polen und Israel besucht. Jetzt ist es an der Zeit, dass er die Zukunft erkennt.
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Für die Ortung der ersten Antrittsbesuche neuer deutscher Bundespräsidenten braucht man kein GPS-System. Sie folgen den stets gleichen tiefen Spuren, die Geschichte hinterlässt. Will sagen: die die deutschen Landser im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit ihren Stiefeln in den europäischen Boden gestampft haben. Deshalb endet die Freiheit des deutschen Bundespräsidenten stets in angebrachter Demut an den Massengräbern, die die Deutschen bei den von ihnen vergewaltigten Nachbarn hinterlassen haben. Diese Kür in der Vergangenheit hat der neue Bundespräsident in souveräner Manier hinter sich gebracht: erst Polen, jetzt Israel.

Die Zukunft jedoch ist eine andere, offenere Geschichte. Sie beginnt im Jetzt der politisch Handelnden. Die Freiheit des Kontinents und seiner Einzelstaaten steht heute, anders als damals, längst nicht mehr zur Debatte. Ebenso wenig das deutsch-deutsche Verhältnis. Die Zukunft Europas ist weniger eine Frage der kalten oder heißen Konflikte als der Fähigkeit, dauerhaft Freundschaften zu schließen. Die Tatsache, dass das große Projekt Europa, diese gigantische Vision eines vereinten Kontinents, derzeit trübe schimmert, verweist weniger auf nationale oder nationalistische Verwerfungen als auf die ungleichen Geschwindigkeiten der politischen und sozialen Entwicklungen der Staaten, die den wirtschaftlichen Wettbewerb unterschiedlich bewältigen. Oder auch nicht.

Das kann, die Euro-Krise zeigt es, spaltend wirken und das auseinanderreißen, was zusammengehört. Wirtschaftliche und soziale Antagonismen führen zu nationaler Eifersüchtelei und Missgunst, wirtschaftliche Übermacht verführt zu schulmeisterlicher Überheblichkeit. Loyalität und Solidarität schwinden im Überlebenskampf. Das Europa der gleichberechtigten Vaterländer wandelt sich in ein Europa der Sanierungsprogramme der Starken für die Schwachen. Die Anti-Merkel-Ressentiments in Irland sind in Wahrheit, ähnlich wie in Griechenland, Anti-Deutschland-Ressentiments. Kümmert das jemanden hierzulande?

Genug Brisanz liegt da also in der Luft, sollte man meinen, damit der Präsident des wirtschaftlich mächtigsten Staates auf dem kleinen Kontinent darin ein überwältigendes Thema finden könnte, das es ihm erlaubte, sich neben die europäischen Chefarchitekten Jean Monnet, Robert Schuman und Konrad Adenauer zu stellen. Diese großen Väter der großen europäischen Vision fristen zurzeit ein eher schattiges Dasein in Europas Requisitenkammer. Reiner Zufall? Will Gauck das ändern?

Was den Merkels, Schäubles und Röslers nicht gelingt - im Schraubstock der Aktualität zwischen Hair-Cuts und Euro-Bonds -, nämlich das Einmalige der europäischen Idee hochzuhalten, müsste Ansporn genug sein - für Joachim Gauck. Das Versagen der Entscheider jedenfalls lässt die Bürger beim Thema Europa ohne Emphase, allein. Europa ist nur mehr Tal des Jammers, voller Schulden, fauler Nachbarn und arbeitsloser Jugendlicher. Das Bild von Europa, das die deutsche Politik tagtäglich ins Volk sendet, ist erbärmlich, traurig, unattraktiv, ist Brüssel ohne Spitzen. Entsprechend wendet sich das Publikum ab.

Das wird sich rächen. Freizügigkeit, Nachbarschaftlichkeit, Verzicht auf klaustrophobe Ressentiments und auf Waffengewalt als eingeübte politische Instrumente - alles, wofür Europa neben der Währungsunion und dem Gemeinsamen Markt noch steht, wird in der Öffentlichkeit nicht vermittelt, ist kein Thema. Bestenfalls ist es nichtreflektierter Alltag.

Aber wozu haben wir den Bundespräsidenten? Zumindest doch, um uns mit diesem überragenden Thema die Zukunft zu weisen, die Deutschen zu lehren, dass sie - jenseits des ökonomischen Eigeninteresses - Europäer sind, einst von Hellas und Rom zu Zivilisation, Kultur und Demokratie genötigt, und sich jetzt, da Gewinn und Fortschritt nicht pekuniär zu messen sind, als Bürger Europas zu bewähren haben. Der Bundespräsident hat sowohl die Berufung als auch die Freiheit des aufgeklärten Willens, das Land neu zu verorten. Nicht allein in der Vergangenheit, eher schon in der Zukunft.

Kommentare zu " Kommentar: Und jetzt Europa, Herr Gauck!"

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  • @Rüdiger Scheidges

    Gab es in ihrer Familie Nazis? So schonungslos und gnadenlos wie sie Deutschland vernichten wollen mit Sicherheit.

    Was ist mit Massengräber voller Deutscher in Osteuropa?

  • Dieser Ideologe kapiert nichts. Wunschdenken für ein "politisches Projekt" wider ökonomischer Vernunft hat keine Zukunft. Da kann er weiter in Goebbelscher Manier die Trommel schlagen. Er wird's noch merken.

  • "Die Zukunft Europas ist weniger eine Frage der kalten oder heißen Konflikte als der Fähigkeit, dauerhaft Freundschaften zu schließen."

    Nun ja. Gegenwärtig sieht es eher so aus, als sei die sogenannte Zukunft Europas davon abhängig, wie man mit dem systematischen Missbrauch von Solidarität durch bestimmte Staaten umgeht. Zur Freundschaft gehören bekanntlich immer mindestens zwei Parteien. Letztlich wird entscheidend sein, ob man ohne gemeinsame Kasse und Währung kooperiert, wo es sinnvoll ist, oder ob man Europa zum Selbstweck erklärt und gegen jede ökonomische und politische Vernunft mit gemeinsamer Kasse und Währung vor die Wand fährt.

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