Kommentar
Ursache und Wirkung

Die Befreiung Deutschlands vom NS-Joch durch die Alliierten war kein Altruismus. Warum auch? Deutschland hatte unseren Globus in das Inferno des Krieges gestürzt. Folgerichtig war die Mission der gegen dieses Land kämpfenden Koalition, einem brutalen Aggressor das Handwerk zu legen. Die Direktive lautete schlicht, einen Feindstaat zu besiegen. Export von Demokratie stand vor sechs Dekaden noch nicht auf der sicherheitspolitischen Agenda.

Insofern war die Befreiung eher eine Art Kollateralnutzen. Aber dieser war gewaltig. Die im Westen Betroffenen hatten unverschämtes Glück. Mit Blick auf das Schicksal der Menschen im Osten Deutschlands und im Osten Europas vielleicht sogar unverdientes. Denn für diese war der Sieg über Deutschland ein Pyrrhussieg: dem Faschismus Nummer eins folgte Faschismus Nummer zwei, so die klare Geschichtsdeutung des litauischen Präsidenten Valdus Adamkus.

Dies gilt es zu berücksichtigen, will man die Dissonanzen zwischen Russen und Balten bewerten, weil Moskau deren Forderung nach einer Entschuldigung wegen begangenen Unrechts ablehnt. In Deutschland mag man sechzig Jahre nach dem Zusammenbruch glauben, die düstere Vergangenheit wenn schon nicht bewältigt, so doch zu großen Teilen aufgearbeitet zu haben. Im Osten Europas fehlte in den gut 15 Jahren nach dem Ende der kommunistischen Diktatur die erforderliche Zeit.

Zudem darf nicht ignoriert werden: Kein anderes angegriffenes Land ist von deutschem Größenwahn stärker heimgesucht worden als die einstige Sowjetunion. Und das neue Russland musste es – zumindest aus seiner Sicht – als Demütigung empfinden, wie sich Nato und EU weit in früheres Herrschaftsgebiet ausdehnten. Damit kann Wladimir Putins trotzige, an die Balten adressierte Ablehnung zwar nicht gerechtfertigt, aber eingeordnet werden.

Doch für die Deutschen gibt es keinen Anlass, selbstgerecht den Finger zu heben. Denn letztlich ist dieses Dilemma auch eine Folge deutscher Schuld. Ursache und Wirkung dürfen nicht verwechselt werden.

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