Kommentar
US-Firmen investieren in der Not

Ihre glanzvollen Zeiten haben die USA längst hinter sich. Straßen, Brücken und Pipelines sind marode, die Schulen sowieso. Bei dem gewaltigen Modernisierungsbedarf setzen die ersten Unternehmen jetzt auf Selbsthilfe.
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Wollen Sie eine Amerikareise machen? Vielleicht mit einem Geländewagen durch den Wilden Westen fahren? Dann kommen Sie doch nach New York und fahren die 14. Straße entlang. Wenn Sie an meinem Büro am Union Square vorbeikommen, werden Sie Ihre Freude haben: eimergroße Schlaglöcher, tückische Eisenplatten. Bürgermeister Michael Bloomberg richtete in einer seiner ersten Amtshandlungen eine Schlagloch-Hotline ein, die er fast täglich selbst nutzt.

New York fehlt das Geld, die Stadt ist im Grunde pleite. Man lebt auf Pump wie ganz Amerika. Gleichzeitig zerbröselt die Infrastruktur. Die Vereinigung der amerikanischen Ingenieure schätzte in einer Studie von 2009 den Baubedarf von Brücken, Schienen oder Schulen der nächsten fünf Jahre auf 2,2 Billionen Dollar. Die Studie liest sich wie ein Buch des Schreckens: Allein in zwei Jahren wurden 3000 Dämme baufällig, 30 Prozent aller Schulkinder sitzen in überfüllten Klassenzimmern.

Unternehmen in den USA nehmen das Heft selbst in die Hand. So erwarb vor kurzem Delta eine Raffinerie in Philadelphia. Das 150-Millionen-Dollar-Investment ist ungewöhnlich, noch nie kaufte eine Fluggesellschaft seinen eigenen Kraftstoffhersteller. Der Kauf ist hochriskant, das Raffineriegeschäft ist volatil, die Gewinnmargen sind dünn.

Delta will mit dem Deal seine hohen Kerosinkosten senken. Aber genauso wichtig: Das Unternehmen fürchtet um seinen Kerosinnachschub. An der Ostküste schließt eine Raffinerie nach der anderen. Die Fabriken sind wie so vieles in Amerika völlig veraltet. Neue zu bauen lohnt sich nicht, abgesehen von schwierigen Genehmigungsverfahren gibt es keine Ölleitungen zum Mittleren Westen der USA und nach Kanada - dort, wo massenhaft Öl aus Schieferstein und Sand gewonnen wird. Das erklärt, warum das Benzin in Colorado oder North Dakota deutlich preiswerter ist als in New York oder Massachusetts. An der Ostküste muss man das zehn bis 15 Dollar pro Barrel teurere Öl aus dem Mittleren Osten oder der Nordsee importieren.

Alte Raffinerien, fehlende Ölleitungen - die Liste der maroden Infrastruktur in Amerika ist lang. Am schlimmsten: das Schulsystem. So klagte AT&T-Chef Randall Stephenson kürzlich über den Ingenieurmangel in Amerika: "Von zehn Bewerbern können wir derzeit nur einen nehmen", der Manager zeigte sich "entsetzt". AT&T investiert 350 Millionen Dollar in Schulen oder gemeinnützige Organisationen, um die Zahl der Abiturienten in den USA zu steigern - und um in Zukunft geeignetes Personal zu haben. Auch Siemens sichert sich in den USA mit dem Apprenticeship 2000 Personal - das Programm ist so etwas wie eine erweiterte Lehre. Zusammen mit Firmen wie Pfaff oder Ameritech bildet man sich so das Fachkräftepersonal heran, das die Schulen und Fachuniversitäten nicht bieten.

Zum Schluss noch ein Ausflugstipp für Ihren SUV-Urlaub: Fahren Sie in New York auch die Houston Street von der Williamsburg Bridge zum Broadway. Herrliches Slalomfahren zwischen endlosen Baustellen, tiefen Senken und Schlaglöchern - da macht der Allrad-Antrieb so richtig Spaß.

Der Autor ist erreichbar unter: jahn@handelsblatt.com

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York

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  • Herr Jahn. Könnte sowas zum Wahlkampfthema werden? Das hätte doch Potential (z.B. "Refurbish America"). So ein 2000 Mrd. Konjunkturprogramm könnten die Amis bestimmt finanzieren.

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