Kommentar
USA am Wendepunkt

Das letzte Tabu der amerikanischen Irak-Politik bröckelt. Noch verhindern Staatsräson und politischer Verstand, dass offen über einen schnellen Truppenabzug diskutiert wird. Aber mit jedem weiteren toten GI wächst bei vielen Amerikanern der Wunsch: Holt unsere Soldaten nach Hause. Laut Umfragen teilt bereits fast der Hälfte der US-Bürger diese Ansicht.

Die Horrorbilder von misshandelten irakischen Gefangenen, die öffentliche Enthauptung des jungen Amerikaners Nicholas Berg und die Ermordung des Präsidenten des irakischen Regierungsrats bestätigen für viele US-Bürger etwas, was sie schon lange befürchtet haben: Der Irak ist für Amerika ein Desaster, bei dem die Aussicht auf Erfolg täglich schwindet. Gleichwohl: Für Präsident George W. Bush ist Durchhalten erste Bürgerpflicht. Sein demokratischer Herausforderer John Kerry will die Truppen im Irak gar noch verstärken. Lange lässt sich das Thema im Wahlkampf aber nicht mehr tabuisieren.

In dieser Woche wollen 42 liberale Bürgerinitiativen eine Erklärung veröffentlichen, die den USA politisch den Weg nach Hause ebnen soll. Die unter dem Namen „Win Without War“ (Gewinne ohne Krieg) firmierende Allianz sieht in der Truppenpräsenz eher ein Hindernis als eine Hilfe im Irak-Konflikt. „Wir sind uns einig, dass unsere Soldaten die Instabilität und Unsicherheit eher verstärken“, sagt Tom Andrews, ein ehemaliger Kongressabgeordneter aus Maine.

Das wachsende Unbehagen über das Engagement im Irak hat zwar noch nicht die Köpfe aller Amerikaner erreicht. Noch sagt der politische Verstand ihnen, dass ein Scheitern der USA im Irak ein Sieg des Terrors wäre, dass die Welt unsicherer würde, wenn die Nahost-Region im Chaos versinkt. Doch die Zweifel wachsen, ob Amerika im Irak – abgesehen vom Sturz des Diktators Saddam Hussein – etwas Gutes bewirken kann.

Geschürt werden die Zweifel vom täglichen Scheitern amerikanischer Ambitionen. Erst marschiert man in Bagdad ein, um die Welt vor Saddams Massenvernichtungswaffen zu retten, dann findet man keine. Erst will die Bush-Regierung den Irak zu einem Musterland der Demokratie in Nahost formen, dann ist man froh, wenn die Uno den USA diese Bürde abnimmt. Erst will man den Irakern ihre Menschenrechte zurückgeben, dann misshandeln US-Soldaten ihre Gefangenen. Erst kesselt man das Widerstandsnest Falludscha ein, dann übergibt man die Stadt ehemaligen Saddam-Getreuen. Erst will man den abtrünnigen Schiitenführer Muktada el Sadr festsetzen, dann verhandelt man mit ihm.

Zu Hause entsteht der ebenso richtige wie fatale Eindruck, dass die grandiosen Pläne und Prinzipien der eigenen Regierung täglichem Krisenmanagement gewichen sind. Etwa die Hälfte der Amerikaner glaubt zwar immer noch, dass es richtig war, die Truppen in den Irak geschickt zu haben. 54 Prozent sagen heute aber, dass sich der Einsatz nicht gelohnt habe.

Wenn nicht noch ein einschneidendes Ereignis folgt, dann war die Auseinandersetzung um die Folter der psychologische Wendepunkt im Irak-Engagement der Amerikaner. Noch gibt es keine breite Bewegung gegen diesen Krieg wie zu Zeiten des Vietnam-Konflikts. Viel wird davon abhängen, wie sich der demokratische Präsidentschaftskandidat, Vietnamveteran und Anti- Kriegs-Aktivist Kerry verhält. Ihm sitzt der Bürgerrechtler Ralph Nader im Nacken, der mit seiner Forderung nach einem Truppenabzug in sechs Monaten auf Stimmenfang geht. Vor vier Jahren hat Nader die Wahl zu Gunsten von Bush entschieden, obwohl er landesweit nur zwei Prozent der Wählerstimmen auf seinem Konto verbuchen konnte. Will Kerry im November ein ähnliches Debakel verhindern, dann muss er den Amerikanern mehr bieten als seine bisherige Parole: „Für unsere Truppen, aber gegen Bush“.

Obwohl Bush und Kerry sich als starke Führer darstellen, vermissen die Amerikaner an der Spitze ihres Landes „leadership“. Nur noch etwa ein Drittel von ihnen vertraut der Irak-Politik ihres Präsidenten. Weniger als die Hälfte der US-Bürger glaubt allerdings, dass Kerry es besser machen würde. Gerade in Zeiten, in denen die öffentliche Meinung so stark von martialischen Ereignissen beeinflusst wird, kann ein solches Führungsvakuum katastrophale Folgen haben. Wäre doch nichts schlimmer für den Irak und den Rest der Welt, wenn Amerika sich nach einer neuen Krise überstürzt in die Isolation zurückziehen würde.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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