Kommentar
Verlust eines Partners

Niemand kann vom Rücktritt des US-Außenministers Colin Powell ernsthaft überrascht sein. Dennoch stellt sich die Frage: Warum jetzt? Um der eigenen Glaubwürdigkeit willen hätte Powell dies viel früher tun müssen. Der Außenminister hatte den Krieg gegen den Irak aus tiefstem Herzen abgelehnt.

Er hatte entscheidende Schlachten gegen die Hardliner im Kabinett – vor allem Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – verloren. Durch einen grandiosen Abgang hätte er sein historisches Vermächtnis als Mahner und Warner gegen einen zweifelhaften Feldzug zementieren können. Stattdessen ließ er sich von Präsident George W. Bush als Kronzeuge für die Invasion benutzen. Auch als definitiv klar war, dass der Irak nicht über Massenvernichtungswaffen verfügte, hätte Powell noch die Notbremse ziehen können.

Er tat es nicht. Der Außenminister nährte damit Spekulationen, er würde neue Chancen für einen multilateralen Kurs der US-Außenpolitik sehen. Bushs Auftritte in den letzten Tagen schienen dies zu unterstreichen: Der Präsident fuhr eine Charme-Offensive in Richtung Europa. Und er ließ durchblicken, dass er nach dem Tod von PLO-Chef Jassir Arafat die diplomatischen Weichen im Nahen Osten neu stellen will.

Dass Powell nun doch den Rücktritt wählt, bedeutet, dass Bushs Politik keine neuen Spielräume bietet. Trotz des rhetorischen Puderzuckers bleibt der Präsident in der Sache hart: Der Irak gilt als Auftakt einer „Demokratisierung“ des gesamten Nahen Ostens. Powell wollte sich aufreibende Grabenkämpfe mit den Falken Cheney und Rumsfeld nicht mehr zumuten.

Die Europäer verlieren damit ihren wichtigsten Ansprechpartner. Kein Nachfolger ist in Sicht, der im Kabinett ähnlich vehement die multilaterale Fahne hochhalten könnte. Ob Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mehr auf den Schulterschluss mit den traditionellen Verbündeten pochen würde, ist zu bezweifeln. Sollte gar der konservative Nahost-Koordinator im Weißen Haus, Elliott Abrams, zum Zuge kommen, wären neue transatlantische Turbulenzen angesagt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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