Kommentar
Vernunft oder Hahnenkampf

Noch ist es nicht mehr als ein mögliches Szenario, doch das zeitliche Zusammentreffen der Metall-Tarifrunde mit dem Arbeitskampf im öffentlichen Dienst ruft sorgenvolle Erinnerungen an die 70er-Jahre wach: Bahnt sich 2006 etwa die Neuauflage eines maßlosen Wettstreits zwischen Metallern und Staatsbediensteten um die tarifpolitische Führungsrolle in Deutschland an?

Für den ersehnten Konjunkturaufschwung sind das alles andere als günstige Vorzeichen. Allein die Gefahr, dass sich die Klärung der Fronten in der Tarifrunde 2006 verzögern könnte, schafft schon Planungsunsicherheit für die Unternehmen, deren Investitionen und Personalentscheidungen ein Schlüssel für mehr Beschäftigung im Lande sind. Und das gilt umso mehr angesichts des Hickhacks der Regierungsparteien Union und SPD um Reformen in den Sozialsystemen. Das schafft bisher wenig Vertrauen darin, dass die hohen Lohnnebenkosten langfristig unter Kontrolle kommen.

Allerdings gibt es auch gute Gründe, die aktuelle Konstellation in der Tarifpolitik sorgfältig von jener der 70er-Jahre zu unterscheiden. Zum einen befindet sich Verdi nicht etwa in der lohnpolitischen Offensive, sondern in einem schon halb verlorenen Abwehrkampf gegen längere Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst. Für die Beamten hat der Gesetzgeber ohnehin bereits bis zu 42 Stunden pro Woche festgeschrieben. Und da die Länder zudem seit 2003 keinen neuen Tarifvertrag mehr abgeschlossen haben, bröckelt auch bei deren mehr als 800 000 Arbeitern und Angestellten die alte 38,5-Stunden-Woche ab.

Zugleich hat sich die Ausgangslage auch für die IG Metall stark verändert. Mit dem Tarifabschluss von Pforzheim 2004, dem Einstieg in eine betriebsnäher angelegte Tarifpolitik, hat sie sich erstmals erkennbar einer wichtigen Einsicht gestellt: Ein starrer Flächentarif alter Prägung würde über kurz oder lang an den wirtschaftlichen Unterschieden in der Metall- und Elektroindustrie mit ihren 80 Teilbranchen und knapp 5 000 tarifgebundenen Unternehmen zerbrechen. Wenn diese Diagnose vor zwei Jahren zutreffend war, kommt die IG Metall auch heute nicht daran vorbei. Sonst würde sie sehenden Auges die Flucht der Betriebe aus dem Flächentarif oder hin zu ausländischen Produktionsstandorten fördern und damit ihre eigene Position untergraben.

Eine Lohnforderung von fünf Prozent zeugt indes nicht von dieser Einsicht, selbst wenn man eine Marge für das übliche Tarifritual abzieht. Von umso größerer Bedeutung wird daher sein, wie ernst es dem als Hardliner bekannten IG-Metall-Chef Jürgen Peters tatsächlich mit seinem Angebot an die Arbeitgeber ist, über die gewinnabhängige Gestaltung des Weihnachtsgeldes zu reden.

Über die Qualität des Metall-Tarifabschlusses entscheiden in diesem Jahr ebenso stark der Spielraum für Differenzierungen auf Betriebsebene und die Steigerung der nominalen Tariflöhne. Zugleich wird aber mit jedem Lohnprozent der faktische Druck auf die IG Metall wachsen, den Flächentarif nach der Tarifrunde durch betriebliche Einzelfallregelungen weiter nach unten zu öffnen. Schon aus Eigeninteresse würde die IG Metall daher gut daran tun, sich nicht auf eine Machtdemonstration im Wettlauf mit Verdi einzulassen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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