KOMMENTAR
Vernunftehe statt Idyll

Schwierige politische Konstellationen lassen sich auch durch Metaphern nicht beschönigen.

So hatte das Kanzleramt vor dem Treffen Gerhard Schröders mit US-Präsident George Bush überraschend vom „deutsch-amerikanischen Motor“ gesprochen – ein Begriff, der sonst dem deutsch- französischen Verhältnis vorbehalten ist. Klar, was die Formel suggerieren soll: Der Irak-Streit ist überwunden, im Verhältnis zu den USA herrscht konstruktive Dynamik. Doch nach dem Gespräch Schröder-Bush steht fest: Passender ist der Vergleich mit einem Ehepaar, das sich nach einem Grundsatzstreit zusammenrauft, aber eingestehen muss, dass sich die Liebesbeziehung in eine Vernunftehe verwandelt hat.

Immerhin haben die Regierungen der Supermacht und des größten EU-Staats erkannt, dass sie enge Partner bleiben müssen. Das gilt schon deshalb, weil beide ohne den anderen ihre Ziele schlechter erreichen. Denn in Washington erkennt man zunehmend, dass Kriege nur dann erfolgreich Mittel der Politik sein können, wenn auch der anschließende Frieden gewonnen wird. Dafür braucht es Partner, deren abweichende Meinung nicht übergangen werden kann.

Schröder wiederum hat nach dem EU-internen Zwist über den Irak endlich begriffen, dass eine enge Zusammenarbeit mit den USA auch Voraussetzung für eine tiefer und weiter gehende Integration Europas ist.

So weit trägt die Einigung aus Vernunft. Doch die Bilder des lächelnden Duos täuschen eine falsche Herzlichkeit vor. Bush und Schröder wissen, dass sie heute weniger voneinander erwarten können als noch vor zwei Jahren. Die USA können Deutschland nicht mehr automatisch als Gefolgsmann einplanen. Die Bundesregierung wird dagegen erleben, dass sich Washington in Europa, dem jeweiligen Anliegen entsprechend, andere Hauptgesprächspartner sucht.

Ein Trost mag sein, dass eine Vernunftehe besser vor falschen Erwartungen schützt. Sicher ist dies nicht. Die US-Seite könnte dem Irrglauben erliegen, eine Versöhnung mit Schröder bedeute dessen Loslösung von Paris. Aber auch wenn Berlin im Gegensatz zu Paris die EU nicht zum Gegenpol zu den USA ausbauen will: Die Weltsicht der Bundesregierung ähnelt viel mehr der von Chirac als der von Bush. Deutschland und die USA sind auch nach beendetem Streit kein Motor.

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