Kommentar
Vormarsch der Habenichtse

Das unfreundliche Übernahmegebot des Mittal-Stahlkonzerns für Arcelor ist ein Schock für die europäische Gruppe und ein Weckruf für die entwickelten Länder. Das Vorpreschen des Inders illustriert die neue Phase der Globalisierung, in der transnationale Unternehmen aus ehemals armen Ländern zu dominierenden Mitspielern werden: vom Habenichts zum neuen Herrn. Dieser Vormarsch speziell Indiens und Chinas hat auch das Weltwirtschaftsforum in Davos geprägt.

Mittal ist zwar formal ein in Rotterdam angesiedeltes und von London aus gesteuertes Unternehmen. Doch es stammt aus Asien, dort hat der indische Unternehmenschef und Großaktionär seinen Siegeszug begonnen. Schon jetzt ist Mittal knapp vor Arcelor der weltgrößte Stahlhersteller. Mit gelungener Übernahme würde er das absolut dominierende Unternehmen, das alle Wettbewerber deklassiert. Mittals Griff nach der Marktmacht zeigt, dass wir uns an neue Mitspieler gewöhnen müssen, die auch für neue Spielregeln sorgen werden: das Wirtschaftsgeschehen wird noch offener, internationaler und schneller.

Globalisierung bedeutet nicht mehr, dass Großunternehmen aus den entwickelten Ländern in großem Umfang in Entwicklungs- und Schwellenländern investieren. Die entwickelten Länder verfügen zwar nach wie vor über den allergrößten Teil des investierten Kapitals. Dennoch ist die Globalisierung nicht mehr ihr Heimspiel.

Noch vor einigen Jahren gab es praktisch keine transnationalen Konzerne aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Inzwischen zählt man mehrere Dutzend solcher Firmen aus der früheren Dritten Welt. Vier Konzerne aus Asien und Lateinamerika schafften es sogar in die Riege der hundert größten Multis, deren Umsatz zum Teil die Wirtschaftsleistung mittlerer Industriestaaten übertrifft. Noch sind es wenige, doch man kann sicher sein, dass es in wenigen Jahren mehr sind.

Aus früheren Kolonien sind gleich starke Mitspieler geworden. Einen besseren Beleg für die Fortschrittsdynamik des Kapitalismus gibt es nicht. Die neuen Konzerne investieren nicht nur in ihrer Heimat, sondern überall, wo es spannende Märkte und gute Unternehmen gibt. Gestern kauften Chinesen die IBM-Computersparte, wollte die chinesische Ölgesellschaft CNOOC das US-Energieunternehmen Unocal übernehmen, was nur an einer Notbremsung der Politik scheiterte. Heute bietet Mittal für Arcelor, morgen vielleicht ein chinesischer Konzern für Volkswagen. Unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle tut sich viel mehr: So kaufen Inder reihenweise deutsche Softwarehäuser, weil sie an deren Produkten und Kunden interessiert sind.

Es gibt keinen Schutz vor dieser Internationalisierung, und politische Interventionen wie im Falle CNOOC sind nur ein Zeichen der Schwäche. Den alten Industriestaaten kann in Wirklichkeit kaum etwas Besseres geschehen, als dass die neuen Wettbewerber ihr Geld hier anlegen. Europäische Werke müssen nicht Europäern gehören, um zu prosperieren. Sie müssen gut sein, und das heißt heute: vertretbare Kosten, interessante Produkte, exzellente Leute und hohe Reaktionsgeschwindigkeit. Zur Erinnerung: Mittal hat kaum mehr als zehn Jahre gebraucht, um sein Imperium aufzubauen.

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