Kommentar
Vorwärts, wir müssen zurück

Wer sich die Deutungshoheit über die Geschichte verschafft, der bestimmt auch ein großes Stück Zukunft. Im kollektiven Gedächtnis der (West-)Deutschen sind die Nachkriegsjahrzehnte mit politischen Chiffren besetzt, die in weiten Teilen erst nach 1968 entstanden. Das gilt vor allem für den Begriff der „Adenauer-Zeit“, der ex post als Sinnbild für eine enge und gleichsam vormoderne Gesellschaft herhalten musste. Angeblich liberalisierte und öffnete sich Deutschland erst durch die Studentenproteste und die nachfolgende Ära Willy Brandt. In Wahrheit waren die 50er- und 60er-Jahre in Deutschland jedoch vor allem Dekaden eines bis heute beispiellosen wirtschaftlichen Modernisierungsschubs in den Unternehmen. Während die Studenten im Überbau Revolte spielten, revolutionierte sich Deutschlands wirtschaftliche Basis wirklich.

Es waren Pionierunternehmer im Schumpeterschen Sinne, die in der Adenauer-Zeit dafür sorgten, dass Deutschland zum Gewinner der ersten großen Globalisierungswelle nach 1945 wurde. In einer großen Handelsblatt-Serie, die wir mit dieser Ausgabe beginnen, beschreiben wir in den nächsten drei Wochen auf unserer Report-Seite 15 dieser noch lebenden Ausnahmeunternehmer. In langen Gesprächen mit ihnen entstand so etwas wie eine „oral history“ unserer Wirtschaftskraft.

Wir starten diese Serie bewusst in dieser Woche: Angela Merkel gibt am Mittwoch als erste deutsche Kanzlerin ihre Regierungserklärung ab. Die CDU-Vorsitzende treibt seit langem die Frage um, wie Deutschland vom Verlierer der heutigen zweiten großen Globalisierungswelle erneut zu deren Gewinner werden kann. Nur wenn wir besser als die anderen sind, können wir weiter teurer sein.

Dieser Gedanke findet sich in fast jeder Grundsatzrede Merkels. Man kann ihn getrost ergänzen: Nur wenn es in Deutschland wieder mehr Pionierunternehmer wie in den 50er-Jahren gibt, wird unser Land insgesamt nach vorn kommen. Die großen deutschen Konzerne haben sich restrukturiert und wachsen auf dem Weltmarkt. Das allein aber reicht nicht. Es müssen neue Konzerne entstehen, die in die Spitzenliga aufsteigen. Unter den Dax-30-Werten findet sich nur ein einziges Unternehmen, der Softwarekonzern SAP, der erst in den 70er-Jahren neu gegründet wurde. Alle anderen Konzerne (oder ihre Vorläufer) existierten schon in den 50er-Jahren oder sogar schon vor dem Krieg.

Deutschland muss Pionierunternehmer wieder möglich machen. Und wir alle müssen wieder mehr Pioniergeist entwickeln. Das könnte, das sollte die Überschrift für Merkels Regierungserklärung werden. Aus der berühmten Rede des Bundespräsidenten vom 15. März 2005 stammt der Satz, Deutschland sei sich selbst in den letzten Jahrzehnten untreu geworden. Die „Ordnung der Freiheit“ (Horst Köhler), in der sich private Unternehmerinitiative erst entfalten kann, erlebt seit langem einen Niedergang.

Angela Merkel sollte das auch in einer großen Koalition thematisieren: Vorwärts, liebe SPD-Genossen, wir müssen zurück! Immerhin will sie hinter ihrem Schreibtisch ein Bild von Konrad Adenauer aufhängen. Dort, wo bisher kopfüber der stürzende Adler von Baselitz hing. Auch so kann man den Kampf um die Deutungshoheit der deutschen Geschichte eröffnen.

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