Kommentar
VW-Prozess: Vom Traum zum Albtraum

Klaus Volkert, Ex-Betriebsratschef von Volkswagen, und Klaus Joachim Gebauer, Ex-Personalmanager, sind nun Ex-Schuldlose. Weil sie den Hals nicht vollkriegen konnten. Die Urteile sind in Ordnung. Aber der Konzern hat nichts daraus gelernt. Ein Kommentar.
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Hätten sie sich lieber daran gehalten, was der Zenpriester Hakuin Zenji schon im 17. Jahrhundert seinen Gläubigen mit auf den Weg gab: „Wozu denn Gold und Silber? Alles ist vergänglich. Das Leben ist nur ein Traum.“ So aber ist es gekommen, wie es kommen musste: Klaus Volkert, Ex-Betriebsratschef von Volkswagen, und Klaus Joachim Gebauer, Ex-Personalmanager, sind seit Freitag Ex-Schuldlose. Weil sie den Hals nicht vollkriegen konnten. Weil sie Gold und Silber nahmen, das ihnen nicht zustand, und damit so einiges kauften, was auch mächtige Männer gerne haben. Der eine Alkohol, der andere Frauen – doch nun ist ihr Leben gar nicht mehr traumhaft.

Richterin Gerstin Dreyer, die den VW-Prozess um Schmiergelder und Prostituierte auf Firmenkosten etwas unsicher führte, hat am Ende doch mit sicherer Hand das Richtige getan. Sie verurteilte Volkert zu einer Haftstrafe ohne Bewährung. Handlanger Gebauer kam mit einem blauen Auge davon. Unbeantwortet lassen musste Dreyer allerdings die spannende Frage, ob nicht auch andere auf die Anklagebank gehört hätten. VW-Patriarch Ferdinand Piëch etwa, der zwar als Zeuge im Prozess juristisch unangreifbar jede Mitwisserschaft von sich wies. Dessen Persönlichkeitsstruktur als kontrollierender Konzernherrscher aber Zweifel hinterlässt, ob hier nur etwas nicht bewiesen werden konnte, was intern offensichtlich war.

Volkert freilich hätte das nicht entlasten können. Mit zwei Jahren und neun Monaten Haft hat er die Quittung bekommen für Gier und verlorene Bodenhaftung. Denn der Mann, der aus kleinen Verhältnissen stammt, nahm Sonderboni in Millionenhöhe in Anspruch, die ihm nicht zustanden. Er setzte durch, dass seine Geliebte bei VW für eine horrende Gehaltssumme eingestellt wurde, obwohl sie nie verwertbare Arbeit ablieferte (jedenfalls nicht für VW). Dreyer verurteilte Volkert zu Recht, weil er die Art der Klimapflege aktiv einforderte, die man im Volksmund „Bestechung“ nennt.

Souverän verneinte die Richterin den absurden Vortrag der Verteidigung, Volkert habe im Gegenzug verrechenbare Leistungen für Volkswagen erbracht. Gemeint war wohl: dass er möglichen Ärger mit den Arbeitnehmern klein hielt, dass er den Konzernspitzen das Durchsetzen ihrer Ziele erleichterte. In der Konsequenz hätte diese Argumentation zur Folge gehabt, dass Volkert strafrechtlich dafür belohnt worden wäre, wofür er gerade sein Schmiergeld erhielt. Absurd. Von dem verwerflichen – wenngleich in diesem Prozess nicht erheblichen – Verrat an den VW-Arbeitnehmern einmal abgesehen, die Volkert bestimmt nicht in den Vorsitzenden-Sessel gehoben hätten, wären ihnen die geheimen Sonderzahlungen bekannt gewesen.

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