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Kommentar: Was bleibt ist ein Scherbenhaufen

GM-Boss Dan Akerson besucht Rüsselsheim - und hinterlässt bei der deutschen Konzerntochter ein Führungschaos. Das kann Opel gerade nur am wenigsten gebrauchen. Woanders dürfte die Selbstdemontage für Freude sorgen.

Carsten Herz ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt Quelle: Pablo Castagnola
Carsten Herz ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt Quelle: Pablo Castagnola

Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen steckt mitten im Überlebenskampf. Gerade haben Sie es geschafft, in harten Verhandlungen ein Sanierungspaket zu schnüren und einen Konflikt mit den Arbeitnehmern zu entschärfen - da kommt der Mutterkonzern, schmeißt den Vorstandschef raus, stürzt die Firma in ein Führungschaos und treibt die Mitarbeiter in neue Ängste. Gibt es nicht? Gibt es doch: So etwa hat sich gerade der abrupte Chefwechsel bei Opel, der deutschen Tochter des US-Riesen General Motors, abgespielt.

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Treuherzig hatte der jetzt geschasste Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke noch Mitte vergangener Woche davon gesprochen, dass "unsere Mutter zu Recht ungeduldig mit uns ist". Zwei Tage später fegte diese Ungeduld ihn aus dem Amt. GM-Boss Dan Akerson war zu einem Blitzbesuch nach Rüsselsheim gekommen und hatte sich die jüngsten Zahlen zeigen lassen. Als er in den Wirtschaftsplänen eine Unterdeckung im dreistelligen Millionenbereich entdeckte, platzte ihm der Kragen. Der impulsive Konzernchef setzte Stracke kurzerhand vor die Tür - und ließ in Rüsselsheim einen Scherbenhaufen zurück.

Opel

Statt alle Kräfte auf eine wirtschaftliche Wende zu konzentrieren, zettelt GM ein Führungschaos an. Wie soll der Stracke-Nachfolger, der wohl Thomas Sedran heißen wird, die harten Gespräche mit der IG Metall über den Fortbestand der deutschen Werke führen, wenn angesichts der Kurzatmigkeit in Detroit niemand weiß, ob er Ende des Jahres noch im Chefsessel sitzt?

Dabei bräuchte Opel jetzt Beständigkeit. Wer arbeitet motiviert, wenn er ständig um seinen Job fürchten muss? Wer kauft schon ein Auto von einer Firma, die immer infrage gestellt wird? Seit Jahren schreckt das Hin und Her des Mutterkonzerns die Autokäufer ab - vor allem im wichtigsten europäischen Markt Deutschland. Die Folge: Der Marktanteil der Marke mit dem Blitz fiel in den ersten Monaten dieses Jahres im Heimatmarkt auf einen historischen Tiefstand.

Auch viele andere Hersteller wie Fiat, Ford und Peugeot leiden unter dem schwachen Markt. Aber kein Konzern steuert auf der Suche nach Lösungen einen solchen Crashkurs wie GM. Der Niedergang von Opel ist nicht nur Folge einer Branchenkrise. Er ist auch Folge von Managementversagen. Denn die Autoindustrie ist ein langfristiges Geschäft. Entwicklungszyklen dauern fünf bis sieben Jahre, erst dann fließen die investierten Milliarden zurück. Doch GM agiert in Europa überstürzt. Der US-Konzern will kurzfristige Erfolge sehen, um Anleger zu beeindrucken und den auf ein historisches Tief gesunkenen Aktienkurs wieder zu beflügeln.

VW-Patriarch Ferdinand Piëch darf sich die Hände reiben. Der Erzrivale mit dem Blitz im Emblem, der ihm Anfang der 90er-Jahre noch im Nacken saß, ist dabei, sich selbst zu demontieren. "Wir leben Autos", heißt der aktuelle Werbespruch von Opel. Doch die Wirklichkeit ist trauriger: "Wir leben Krise."

  • 16.07.2012, 17:41 Uhraruba

    Guten Tag,.... Auch Andere haben es schwer;.... Hier in Frankreich haben wir die Misere von Peugeot und somit 8000 Stellen die Monsieur Hollande wenigstens teilweise retten will. Der Giftzwerg Sarkozy und seine Saubande haetten die Leute ( so wie die Jungs von GM ) einfach auf die Strasse gesetzt. Die Franzosen bauen Rostlauben,... haben aber in Afrika noch immmer die Nase vorn. VW verkauft 1,5 Mio Autos an die Schlitzaugen;... Peugeot Renault und Citroen zusammen nur 350000. Aber Opel darf den Reisfressern nicht einmal seine Karren andrehen. Das tun die Amis lieber selbst. Gleichwohl,... seien wir ehrlich;.... Ich besitze (auch) einen Franzoesischen Pass,... jedoch kein Franzoesisches Auto mehr...... jedoch einen Opel wuerde ich niemals kaufen. Die Leute kaufen Opel weil sie dazu verdammt sind;.... keiner nimmt Ihnen Ihren alten Opel ab,... es sei denn Sie gehen zu Opel und kaufen wieder so eine Kiste. Opel ist in der Autowelt das was Dexia in der Bankenwelt war. Es war nie was,.... ist nix,... und wird auch nix. Besten Dank.

  • 16.07.2012, 17:21 Uhrtraxx

    GM bekommt, wie auch nokia vor einiger zeit, zu spüren was es heißt wenn die produktion abgezogen wird.
    der umsatz in der region sinkt.
    fast mein gesamter bekanntenkreis kauft seit bochum kein nokia mehr.
    seit der unsäglichen geschichte opel-magna incl. bundeshilfe will auch keiner das GM an ihm verdient.
    bei schließung von werken in deutschland wird opel weiter umsatz verlieren. jede wette...

    aber wir brauchen opel auch nicht. genauso wie nokia. sollen sie doch produzieren wo sie wollen. opel hat den gleichen status wie andere externe hersteller zu bekommen.

  • 16.07.2012, 10:32 UhrPraktiker

    Ich kenne dieses Verhaltensmuster aus eigener Erfahrung bei einem anderen US-Konzern. Alles ist an Profit-Kennzahlen wie dem EBIT orientiert. Die US-Bosse kennen die Merkmale der lokalen Märkte nicht. Kunden werden durch ständiges Hin- und Her verunsichert. Dabei braucht ein Restrukturierungspaket oder ein Marken-Relaunch Zeit um Früchte zu tragen. Die Realität sieht jedoch so aus: Kaum hat sich der neue Manager in die Materie eingearbeitet wird er wieder ersetzt, da keiner die unrealistischen Renditevorgaben umsetzen kann. Wer dann widerspricht fliegt raus oder wird strafversetzt. Effizienz sieht anders aus!

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